Agent Orange

Medienkonferenz in Basel

Auszüge aus Referaten anlässlich unserer Agent-Orange-Medienkonferenz vom 13.01.2000 in Basel:

Einführung von Peter Jaeggi

Die Auswirkungen von Agent Orange und der Fonds für die Opfer von AO von Prof. Dr. med. Le Cao Dai, Leiter des Fonds für die Opfer von Agent Orange (AGORAVIF). See English version.

Effects of Agent Orange and the agent orange victims fund by Prof. LE CAO DAI. MD, Executive Director of The Agent Orange Victim Fund (AGORAVIF).

"Agent Orange" als Herausforderung für das Rote Kreuz in Vietnam von John Geoghegan, Leiter der Delegation der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften in Hanoi. See English version.

Orange - A challenge faced by the Red Cross and Red Crescent in Vietnam by John Geoghegan, Head of Delegation, International Federation of Red Cross and Red Crescent Societies, in Vietnam.

Giftgashypotheken zu Beginn des 21. Jahrhunderts Probleme der Vernichtung von C-Waffen in den USA und in Russland Von Dr. Hans Günter Brauch, PD an der FU Berlin (Mitautor des Buches)

Ho Chi Minh ging - Coca-Cola kam. Aus den Erfahrungen eines Hilfswerkarbeiters von Samuel Andres, Programmbeauftragter beim HEKS (Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz) für Südostasien und die Türkei

 

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1. Einführung von Peter Jaeggi (Auszug)
Vielen Dank dafür, dass Sie nicht wegsehen.

– Ich kann diese Kinder nicht anschauen. ? Wie können Sie das Jahr 2000 mit einem solchen Thema beginnen?? Wir möchten auf die Ausstellung hinweisen, aber bitte schicken Sie uns anstelle des Kindes mit Missbildungen ein etwas fröhlicheres Bild. ? Sätze, die uns so oft auf dem Weg dieses Projektes begegnet sind. ?Man fragt sich unwillkürlich: wohin schaut man, wenn man wegschaut? ?Weshalb wollen so viele das Elend anderer nicht mehr sehen? ?Sind wir auf dem Weg einer gewaltigen Entsolidarisierung? ?Wohin das führt sie?

2. Die Auswirkungen von Agent Orange und der Fonds für die Opfer von AO (vollständiges Referat)

Prof. Dr. med. Le Cao Dai
Leiter des Fonds für die Opfer von Agent Orange (AGORAVIF)

1966 sah ich erstmals drei riesige Flugzeuge, die mit hoher Geschwindigkeit knapp über den Baumwipfeln flogen. Unter diesen Bäumen war unser Feldlazarett aufgebaut. Der ganze Wald vibrierte unter den heftigen Luftbewegungen, die durch die Flugzeuge ausgelöst wurden, und langsam senkte sich ein feiner Nebel mit einem leichten Chemikaliengeruch über uns.

Als unser Feldlazarett in das zentrale Hochland von Vietnam verlegt wurde, um Patienten und verwundete Soldaten der südvietnamesischen Befreiungsarmee zu versorgen, erreichte die Entlaubungskampagne durch amerikanische Flugzeuge entlang des Ho-Chi-Minh-Pfades und in unserer Umgebung ihren Höhepunkt. Wenige Tage nach dem Chemikalienregen färbten sich im Wald, der unser Lazarett verbarg, alle Blätter gelb und begannen abzufallen. Neben der Entlaubungswirkung war uns damals kaum etwas über die möglichen gesundheitlichen Langzeitfolgen dieser Chemikalien bekannt. Allerdings befanden sich in unserem Lazarett eine ungewöhnlich hohe Zahl von Patienten mit Malaria, Diarrhö usw. Viele von ihnen starben an einer akuten Form dieser Krankheiten. Zudem sahen wir die ersten Fälle von Leberkrebs. Erst vier Jahre später, als ich 1970 für eine wissenschaftliche Tagung nach Hanoi zurückkehrte, erhielt ich Kenntnis von Agent Orange und Dioxin.

Während des Vietnamkriegs wurden der Süden Vietnams und Teile von Laos und Kambodscha zu militärischen Zwecken stark mit Chemikalien besprüht. Die USA haben den Einsatz dieser Mittel 1961 begonnen und 1971 eingestellt. Die Armee des Regimes in Saigon benutzte die Chemikalien jedoch noch bis1975. Es wurden zahlreiche toxische Substanzen, in erster Linie Herbizideund Entlaubungsmittel, eingesetzt. Mit der Herbizid-Sprühaktion unter dem Codenamen "Operation Ranch Hand" wurden vor allem die folgenden Zielsetzungen angestrebt:

• Schutz der Militärstützpunkte der Amerikaner und ihrer Verbündeten vor Angriffen

• Zerstörung des Laubwerks, um verborgene militärische Stellungen

• Waffenlager und Transportrouten aufzudecken und dadurch Luft- und Artillerieangriffe zu erleichtern

• Zerstörung von Ernten, um die Guerilla-Armee zu schwächen.

Nach Schätzungen wurden insgesamt 72 Millionen Liter Herbizide versprüht. Davon waren 44 Millionen Liter Agent Orange, die mit 170 kg Dioxin kontaminiert waren.
Seit dem Ende des Krieges ist ein Vierteljahrhundert vergangen, doch noch immer leiden Umwelt und Menschen unter den zahlreichen, schwerwiegenden Folgen der chemischen Kriegführung.

Nach den Daten, die uns zur Verfügung stehen, wurden über 3'004'000 ha (17,8% der Fläche von Südvietnam) mit Chemikalien besprüht. Davon waren 95% Wald im Inland und 5% Mangrovenwald an der Küste.

Dadurch wurde das ökologische Gleichgewicht stark beeinträchtigt. Die massive Zerstörung des Waldes führte in der Regenzeit zu schweren Überschwemmungen und in der Trockenzeit zu Dürreperioden. Der Mutterboden wurde weggeschwemmt, der Boden ermüdete und entwickelte sich zu Laterit, wodurch die Erholung des Waldes gehemmt oder gar verhindert wurde. Während in den höher gelegenen Gebieten Erosion auftrat, wurden das Tiefland mit Sedimenten überdeckt, was die Gefahr von Überschwemmungen noch weiter verstärkte. Auch die Fauna (Vögel und am Boden lebende Tiere) wurde schwer geschädigt.

In den letzten fünfzehn Jahren konnten wir in Zusammenarbeit mit ausländischen Wissenschaftlern Böden, Nahrungsmittel und menschliches Gewebe auf Dioxinrückstände untersuchen. Verschiedene der untersuchten Boden- und Flussschlammproben aus stark besprühten Regionen wiesen eine relativ geringe Dioxinkonzentration auf. Die geografischen Gegebenheiten des Landes (eine lange Bergkette, die einen Teil des Landes von Norden nach Süden durchquert, die Nähe des Meeres sowie das tropische Klima mit starken Regenfällen und Überschwemmungen, die in den letzten 30 Jahren fast jährlich auftraten) haben zwar möglicherweise die verheerenden Folgen für die Wirtschaft und das menschliche Leben mitverursacht. Gleichzeitig trugen sie aber auch dazu bei, das Dioxin wegzuschwemmen und seine Konzentration im Boden zu verringern.

Parallel zur Abnahme der Dioxinkonzentration in der Umwelt war auch in den Nahrungsmitteln, die ab 1986 bis heute untersucht wurden, eine normale Konzentration festzustellen, die jener anderer Länder ähnlich war. Seit 1986 - und möglicherweise schon bedeutend länger - sind Nahrungsmittel aus Vietnam, die für den Konsum im Inland oder für den Export bestimmt sind, unbedenklich.

Alle Untersuchungen, die bisher an menschlichem Gewebe (Fettgewebe, Blut, Muttermilch) vorgenommen wurden, ergaben bei Menschen, die in besprühten Regionen leben, und bei Veteranen, die ihm Süden gedient hatten, stets eine höhere Dioxinkonzentration als bei Landsleuten, die immer in den nicht besprühten Regionen in Nordvietnam gelebt hatten.

Im Rahmen einer Studie mit gepooltem Blut von verschiedenen Menschen aus der gleichen Region wurde eine Dioxinkarte für das ganze Land erarbeitet. Diese Karte sowie eine kürzlich durchgeführte Forschungsarbeit zeigen, dass die Chemikalienlager, die in den früheren Luftwaffenstützpunkten errichtet wurden, eine erhebliche Kontaminationsquelle darstellen. Offensichtlich geht die Dioxinkontamination durch diese ehemaligen Stützpunkte bis in die heutige Zeit weiter. Diese Gebiete müssen deshalb gesäubert werden, um eine weitere toxische Einwirkung auf die Menschen zu verhindern, die in der Umgebung leben.

Verschiedene Studien, die mit Veteranen in Amerika durchgeführt wurden, lassen darauf schliessen, dass zwischen der Agent-Orange-Exposition und verschiedenen Erkrankungen ein Zusammenhang besteht. Ähnliche Resultate ergaben sich auch in epidemiologischen Studien, die in Vietnam durchgeführt wurden:

• eine höhere Krebsrate, einschliesslich von primären Lebertumoren und von Tumoren im Mund- und Rachenraum

• Immundefekte, die zu einem vermehrten Auftreten von Infektionskrankheiten führen

• Stoffwechselstörungen, insbesondere im Fett- und Kohlenhydratstoffwechsel

• bei Frauen: eine erhöhte Rate von Anomalien während der Schwangerschaft (Fehlgeburten, Blasenmolen und Gebärmutterkrebs); besonders gravierend für die Familien und die Gesellschaft ist eine erhöhte Rate von angeborenen Defekten, die wiederholt und in mehreren Generationen der Familie auftreten.

Bis Dezember 1998 wurden keine landesweiten Erhebungen mit Opfern von Agent Orange durchgeführt. Ausgehend von Piloterhebungen wurde die Zahl dieser Opfer auf gegen eine Million Menschen geschätzt. Davon sind 100'000 Kinder, die aufgrund einer Exposition gegenüber Agent Orange an Behinderungen leiden.
Während Jahren hat das Vietnamesische Rote Kreuz (VNRC) im Rahmen seiner humanitären Tätigkeit die Opfer von Agent Orange in verschiedener Hinsicht unterstützt. 1998 schuf es einen speziellen Fonds für die Opfer von Agent Orange (AGORAVIF), um vermehrt inländische und ausländische Mittel für die Unterstützung dieser Menschen zu mobilisieren.
Gegenwärtig verfügt der Fonds über 45 Zweigbüros in den verschiedenen Provinzen des Landes. Er strebt die folgenden Hauptziele an:
• Verbreitung der Kenntnisse über Agent Orange (AO) und dessen Auswirkungen

• Erbringung von Leistungen im Bereich der Gesundheitsversorgung und der funktionellen Rehabilitation sowie Bereitstellung von medizinischem
Material wie beispielsweise Rollstühle für die Opfer von AO

• Vermittlung einer grundlegenden Ausbildung und einer Berufsausbildung an behinderte Kinder, um ihnen die Integration in die Gesellschaft zu ermöglichen

• Verbesserung des Lebensstandards ihrer Familien durch kleine Darlehen im Hinblick auf die Erzielung eines Einkommens.

Prof. Le Cao Dai, Geburtsdatum: 6. Juni 1928 Beruf: Arzt. 1945: Aufnahme des Medizinstudiums in Hanoi. 1948-54 (Indochinakrieg): Kommandant eines Regiments. Mobile medizinische Einheit. 1966-74: Teilnahme am Vietnamkrieg als Chirurg. Verantwortlicher eines militärischen Feldlazaretts im zentralen Hochland (Südvietnam). 1984-95: Generalsekretär des nat. Ausschusses zur Untersuchung der Folgen der im Vietnamkrieg eingesetzten Chemikalien, des sogenannten Komitees 10 -80. Ab 1998 Leiter des Fonds für die Opfer von Agent Orange (AGORAVIF). Gestorben am 15. April 2002.

Wichtigste Publikationen: Verschiedene Forschungsarbeiten zu den Folgen von Agent Orange für die Umwelt und die menschliche Gesundheit, die an nationalen und internationalen wissenschaftlichen Konferenzen vorgestellt wurden. Veröffentlichungen in verschiedenen vietnamesischen und ausländischen Publikationen. "Agent Orange and its Consequences", Monografie, Vietnamesisches Rotes Kreuz, 1999, 234 Seiten, 13x19. "Days and Nights in Central Highland" (Erinnerungen an ein Feldlazarett in Südvietnam), Lao Dong Publisher, 1997; existiert nur in vietnamesich.

 

3. Effects of Agent Orange and the agent orange victims fund
by Prof. LE CAO DAI. MD, Executive Director Auf The Agent Orange Victim Fund (AGORAVIF)


It was in 1966, when I fist saw three huge aircraft flying at a high rate of speed, close to the tops of the trees. Under these aircraf, my field hospital was set up. The entire forest vibrated under the violent wind blown from the aircraft while a mist with a light smell of chemicals fell down slowly from the sky. When our field hospital came down to the Vietnam Central Highlands, to serve patients and wounded soldiers of the Liberation Army of South Vietnam that was the time when the defoliation campaign by American aircraft reached its peak along the Ho Chi Minh trail and surrounding our locations... A few days after the rain of chemicals came, all the leaves of the forest, under which our hospital was hidden, turned yellow and started to fall Except for the defoliation effects, at the moment we knew almost nothing about the possible long-lasting effects those chemicals might have on our health, even though our hospital was filled with an unusually high number of patients suffering from malaria, diarrhea ....Many of them died from an acute form of these illnesses... Also, we started to see some cases of liver cancer...Only 4 years later, in 1970, when I had the chance to return for a scientific meeting in Hanoi, I did hear about Agent Orange and dioxin ... During the Second Indochine War, the South of Vietnam and parts of Laos and Cambodia were heavily sprayed with chemicals for military purposes. The use of chemicals began in 1961 and was halted by the U.S in 1971. However, forces of the regime in Saigon continued to use these chemicals until 1975. Although many toxic substances were employed, the most common were herbicides and defoliants. The herbicide spraying operation known under the code name " Operation Ranch Hand" was aimed at the following major goals:

• To protect US and allied military bases from attack

• To destroy foliage in order to discover hidden military positions, stores and transport routes, thus facilitating air and artillery strikes

• To destroy crops thought useful to guerilla forces

An estimated total volume of 72 million litters of herbicides were sprayed, of which 44 million liters were Agent Orange contaminated with 170 kg of dioxin. A quarter of century has passed since the end of the war, but many severe effects of the chemical warfare can be still observed in the environment as well as in humans According to our records, more than 3,004,000 ha, (17.8 % of South Vietnam's acreage was sprayed with chemicals. Of this, 95 % was inland forests and 5 % coastal mangrove forest.
This caused a great ecological imbalance. The massive destruction of forest led to severe flooding in the rainy season and drought in the dry season ... Topsoil washed away, the land become exhausted and lateritlized, producing conditions that inhibit and prohibit forest recovery. While the uplands became eroded, the lowlands became choked with sediment, still further increasing the threat of flood. Wild life (birds, and terrestrial animals) were also severely damaged , Those last fifteen years, with the cooperation with foreign scientists, we were able to test for dioxin in soil, food and human tissues. Several samples of tested soils and river mud, in former heavily sprayed areas, showed fairly low levels of dioxin, Perhaps the geographical condition of the country (a long chain of mountains, going from the North to the South through part of the country, areas close to the ocean, and the tropical climate, producing heavy rains and flood, occurring yearly for almost 30 years, helped to cause the devastating effects on the economy and human life, but, at the same times, these conditions helped to flush dioxin away and decrease its levels in soil. Parallel to the decrease of dioxin levels in the environment, the food tested from 1986 to the present showed a normal level, similar to the one from other countries. Food from Vietnam for domestic use as well as for exportation are quite safe since 1986 and may be much earlier. All the tests done so far in human tissue (fat tissue, blood, breast milk) always show a higher level of dioxin in people living in sprayed areas and in veterans having served in the South compared to their compatriots who always stayed in non sprayed areas of North Vietnam.
A study using blood pooled from several people living in a same area has led to a dioxin map of the country. The map and recent research has found an important source of contamination from chemical warehouses built inside former airbases. It appears that the dioxin contamination continues to the present time from the former airbases. Those areas need to be cleaned up to avoid further intoxication to habitans living around. Similar to several studies done in Veterans of America showing relationaship between Agent Orange exposure and several kind of diseases, epidemiology studies conducted in Vietnam suggest :

• An increased rate of cancer including primary liver cancer and oropharynx cancer

• Immune deficiency leading to an increased rate of infectious diseases metabolism disturbances especially lipid and glucid metabolism

• In women : increased rate of abnormalities of pregnancy ( miscarriage, molar pregnancy and choriocarcinoma, and especially severe for the family and the society is an increased rate of birth defects which could occur several times and several generations in a family.

Surveys on Agent Orange victims were not carried out nationwide until December, 1998. Through pilot surveys, the number could be estimated at about 1 million people, of which 100,000 are disable children as result of Agent Orange exposure.
For many years the Vietnam Red Cross (VNRC), in its humanitarian task, has provided various kind of support to victims of Agent Orange. Since 1998, VNRC has set up a special fund called the Agent Orange Victims Fund (AGORAVIF) to further mobilize domestic and foreign resource for supporting Agent Orange victims.
At the present time, the Fund has 45 branches throughout different provinces of the country. The main objectives of the Fund are:
• To disseminate knowledge on Agent Orange (AO) and its effects

• To provide health care, functional rehabilitation, medical equipment (wheel chairs...) to AO victims

• To give disabled children some basic education and professional training so that they can integrate into social life later

• To help raise their family's living standards with small loans for income generation.

Le Cao Dai (June 6,1928 - April 15th 2002). Occupation: Professor, Medical Doctor. Started Medical School Hanoi in 1945. During the 1st Indochina war from 1948-1954, has served as Head of a Regiment. Mobile Medical Unit . From 1966-1974, participated to the 2nd Indochina War as Surgeon. Director of a field military hospital in the Central Highland (South Vietnam). After the war, from 1984-1995, General Secretary of the " National Committee to Investigate the Consequences of the Chemicals used during the Vietnam war, so called "10/80 Committee". Since 1998, Director of the Agent Orange Victim Fund (AGORAVIF) to assist the victims of Agent Orange. Main publications: Several researches on the aftermath of Agent Orange on the environment and human health presented at national and International scientific conferences. Published in several Vietnamese and foreign publications "Agent Orange and its consequences " Monograph published by Vietnam Red Cross-1999-234 pages, 13X19. "Days and Nights in Central Highland (memory about a field hospital in south Vietnam). Published in 1997 by Lao Dong Publisher 550 pages, 15X17

4. "Agent Orange" als Herausforderung für das Rote Kreuz in Vietnam (Auszug)
John Geoghegan, Leiter der Delegation der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften in Hanoi

Ist Agent Orange die Ursache für Leiden und Behinderungen bei Kindern und Enkeln der einst mit dem Herbizid kontaminierten Menschen?

Zu dieser Frage gibt es im grossen und ganzen zwei Schulmeinungen: zum ersten die Meinung, Agent Orange sei für viele angeborene Schäden in der zweiten und dritten Generation (also der Kinder - viele von ihnen in ihren Zwanzigern - und Enkel der besprühten Menschen) verantwortlich zu machen. Sie wird von zahlreichen vietnamesischen Wissenschaftlern, Regierungsvertretern und Mitgliedern betroffener Familien sowie einigen nichtvietnamesischen Wissenschaftlern vertreten. Und zum anderen die Meinung einer zweiten Denkschule, die von zahlreichen anderen Wissenschaftlern und Offiziellen vertreten wird, wonach ein Zusammenhang zwischen Agent Orange und den Krankheiten und Behinderungen zweifelhaft sei.

Nach breiten Untersuchungen lebt in einigen Teilen des Landes eine beträchtliche Zahl einkommensschwacher Familien mit Kindern - in vielen Fällen inzwischen bereits erwachsene Kinder - , die an schweren Behinderungen und chronischen Krankheiten leiden. Zwar ist die Ursache dieses hohen Anteils einschlägiger Behinderungen in diesen Gruppen umstritten, doch wurden in manchen Fällen die Langzeitwirkungen von Agent Orange als Gründe genannt.

Vor dem Hintergrund der laufenden Debatte sind zahlreiche Organisationen davor zurückgeschreckt, diesen Menschen zu helfen. Das Rote Kreuz hat beschlossen, sich aus der Polemik herauszuhalten und sich statt dessen darauf zu konzentrieren, den betroffenen Menschen zu helfen. Es unterstützt eine grosse Zahl von Menschen mit chronischen Erbkrankheiten. In der sozialen und medizinischen Unterstützung dieser schwer behinderten Menschen, die durch das soziale Netz fielen, sieht das Vietnamesische Rote Kreuz seine Aufgabe.

5. Orange - A challenge faced by the Red Cross and Red Crescent in Vietnam
By John Geoghegan, Head of Delegation, International Federation ofRed Cross and Red Crescent Societies, in Vietnam

Whilst the above represents some of the facts, there continues to be a controversial debate concerning the impact of Agent Orange on the health and well-being of the second and third generations of some Vietnamese people. In other words: is Agent Orange the cause of disabilities in the children and grandchildren of the people who were sprayed with this herbicide? There are largely two schools of thought on this: firstly there are those, such as the many people in Vietnam (scientists, government officials and members of families who are afflicted by these disabilities) and many scientists outside Vietnam, who believe that Agent Orange is to blame for many of the birth defects in the second and third generations (ie the children - many of whom are now in their twenties - and grandchildren of those people who were sprayed), and there is the second school of thought, consisting of the many other scientists and officials who doubt the link between Agent Orange and disability.

The former group are convinced of the links between dioxin and disability, and cite evidence of where healthy children were born prior to parental exposure to dioxin, and disabled children born, to the same parents, following the exposure. In such cases they have studied family history and have found no other cases of disability. They have ruled out other environmental factors (such as the use of pesticides in agriculture) and have begun to consider linkages between the areas contaminated with dioxin and the geographical incidence of disability (which are clearly higher than national norms) The latter group, believe that direct exposure to the first generation can be substantiated (though this proof is largely circumstantial as the cost of tissue testing is prohibitively high), however, they believe that no link to disability or birth defects has been scientifically proven in the second or third generations. Their position is that in all the years that this debate has continued, nothing more than circumstantial evidence has been presented in an effort to prove the link; the debate, therefore, goes on until final results from epidemiological studies are made available.

6. Giftgashypotheken zu Beginn des 21. Jahrhunderts Probleme der Vernichtung von C-Waffen in den USA und in Russland (vollständiges Referat)

Dr. Hans Günter Brauch, PD an der FU Berlin (Mitautor des Buches)

Chemische Waffen: Produktion und Einsatz im 20. Jahrhundert

Chemische Waffen, Nervenkampfstoffe und Herbizide wurden im 20. Jahrhundert entwickelt, grosstechnisch hergestellt und in einigen zwischenstaatlichen Kriegen und innerstaatlichen Konflikten eingesetzt. Die grössten Einsätze erfolgten im Ersten Weltkrieg mit über 113.000 Tonnen chemischer Waffen und im Vietnamkrieg, wo neben Tränengasen noch 72 bis 90 Millionen Tonnen der dioxinhaltigen Entlaubungsmittel (Agent Orange, White, Purple) über Südvietnam, Kambodscha und Laos von Flugzeugen versprüht wurden. Im Ersten Weltkrieg gab es zwischen 800.000 und 1.297.000 Gasopfer, davon zwischen 91.000 und 100.000 Gastote. Im Vietnamkrieg wurden neben Menschen (Täter und Opfer und deren Nachkommen) auch die Flora und Fauna in den versprühten Gebieten nachhaltig geschädigt.

Herbizide - keine chemischen Waffen?

Die Vereinigten Staaten und einige Verbündeten haben es während der Verhandlungen über ein Verbot der chemischen Waffen (1969 - 1993) stets abgelehnt, Entlaubungsmittel (Herbizide) und Tränengase als chemische Waffen zu erfassen. In dem Übereinkommen über chemische Waffen (CWÜ) vom 13.1.1993, das am 29.4.1997 in Kraft trat, sind Herbizide nur in der Präambel genannt ("in Anerkennung des in einschlägigen Übereinkünften und diesbezüglichen Grundsätzen des Völkerrechts verankerten Verbots, Herbizide als Mittel der Kriegführung einzusetzen"). Im Herbst 1993 wurden die Herbizide dem Umweltkriegsverbotsabkommen von 1977 unterworfen, wonach die Staaten sich verpflichten, "umweltverändernde Techniken, die weiträumige, lange andauernde oder schwerwiegende Auswirkungen haben, nicht zu militärischen Zwecken oder in sonstiger feindseliger Absicht als Mittel zur Zerstörung, Schädigung oder Verletzung eines anderes Vertragsstaats zu nutzen." Herbizide unterliegen damit NICHT dem strengen Kontrollregime des CWÜ, das von der Organisation zum Verbot der chemischen Waffen (OPCW) in Den Haag überwacht wird.

Vernichtungspflicht für chemische Waffen
Nach Art. I, 2 des CWÜ verpflichtet sich jeder Mitgliedsstaat, "die in seinem Eigentum oder Besitz oder an einem Ort unter seiner Hoheitsgewalt oder Kontrolle befindlichen chemischen Waffen nach Massgabe dieses Übereinkommens zu vernichten". Ferner verpflichten sich die Staaten, die auf dem Gebiet anderer Staaten (z.B. Japan in China) chemische Waffen zurückliessen, diese zu vernichten. Ausserdem müssen alle Einrichtungen zur Herstellung chemischer Waffen vernichtet werden. Nach Art. 5, 8 des CWÜ muss die Vernichtung "spätestens zehn Jahre nach Inkrafttreten des Übereinkommens" abgeschlossen sein. Das CWÜ haben bis Ende Dezember 1999 insgesamt 170 Staaten unterzeichnet und 129 Staaten hatten es ratifiziert. Vor allem zwei Staaten verfügten bei Inkrafttreten des CWÜ über grosse Mengen chemischer Waffen und Kampfstoffe: die Vereinigten Staaten und Russland. Einige weitere Staaten meldeten alte CW-Bestände aus den beiden Weltkriegen, darunter Deutschland und Japan. Davon ausgenommen sind die Staaten, die das CWÜ bisher nicht ratifizierten, darunter zahlreiche arabische Staaten (Ägypten, Libyen, Syrien, Irak) und Israel, Nordkorea, von denen einige Staaten - nach Angaben des CIA - vom 9.2.1999 über CW verfügen sollen: Irak, Libyen, Nordkorea, Sudan und Syrien. Sudan trat am 24.5.1999 dem CWÜ als Vertragspartei bei.

Vernichtungsvorhaben in den USA
1984 erteilte der Kongress den Auftrag, die USA sollten bis zum Jahr 2004 alle C-Waffen vernichten. Bis 1996 waren aber erst 3% in der einzigen einsatzbereiten CW-Vernichtungsanlage auf dem Johnston Atoll im Südpazifik vernichtet worden. Eine zweite CW-Vernichtungsanlage wurde auf dem Heeresdepot in Tooele gebaut, aber wegen zahlreicher technischer Probleme und rechtlichen Einsprüchen begann die Verbrennung von CW-Kampfstoffen erst am 22.8. 1996. Bis zum 18.4.1999 waren erst etwa 10% des gesamten CW-Potentials vernichtet.

Lagerstätten mit chemischen Kampfstoffen in den USA

Nach Angaben des Arms Control Reporter lagerten Anfang 1996 in den acht CW-Lagerstätten auf dem Gebiet der USA folgende Mengen an CW-Kampfstoffen:

• Anniston (Alabama): 2.254 Tonnen (HD und die Nervenkampfstoffe: GB, VX)

• Edgewood (Maryland): 1.625 Tonnen (Kampfstoff: HD)

• Blue Grass (Kentucky): 523 Tonnen (H, HD und die Nervenkampfstoffe: GB, VX)

• Newport (Indiana): 1.269 Tonnen (Nervenkampfstoff: VX)

• Pine Bluff (Arizona): 3.850 Tonnen (HD und die Nervenkampfstoffe: GB, VX)

• Pueblo (Colorado): 2.611 Tonnen (Kampfstoffe: HT, HD)

• Umatilla (Oregon): 3.717 Tonnen (HD und die Nervenkampfstoffe: GB, VX)

Nur in zwei der neun Lagerstätten waren CW-Vernichtungsanlagen im Betrieb:
• Tooele (Utah): 13.616 Tonnen (H, HD, HT, NT und die Nervenkampfstoffe: GB, VX), von denen bis zum 18.4.99 erst 2.663 Tonnen bzw. 19,56% vernichtet waren

• Johnston (Pazifik): 2.053 Tonnen (HD und die Nervenkampfstoffe: GB, VX). Bis zum 18.4.1999 wurden 1.645 Tonnen bzw. 81.5% der CW-Munitionen vernichtet.

Vernichtungsvorhaben in Russland
Bis 2000 sollen die ersten 400 Tonnen chemischer Kampfstoffe vernichtet werden. In der ersten Phase sollen 7.500 Tonnen Senfgas und Lewisit in Vorratsbehältern in den Anlagen in Kambarka, Udmurtia und Gorny (Saratow), d.h. jährlich 1.850 Tonnen, folgen. In der zweiten Phase sollten chemische Artilleriegranaten und Bomben mit phosphororganischen Agenzien, d.h. mit Lewisit und Phosgen, vernichtet werden. Am 8.2.1996 kündigte Russland Pläne zum Bau einer CW-Vernichtungsanlage in Gorny mit finanzieller Unterstützung durch Deutschland, die USA, Schweden und die Niederlande an, die 1997 ihre Arbeit aufnehmen sollte. BisApril 1999 hatte Russland aber noch keine CW-Vernichtungsanlagen an seinen CW- Lagerstätten errichtet und nur eine mobile CW-Vernichtungsanlage war funktionsfähig.

Lagerstätten mit chemischen Kampfstoffen in Russland
Nach offiziellen russischen Angaben lagerten Anfang 1992 alle chemischen Waffen in 5 Munitionsdepots und in zwei grossen Chemiedepots in Russland:

• Gorny (bei Saratow nördlich von Wolgograd): Lewisit und Yperit für die Luftwaffe

• Maradikowsky (Kirow Region): C-Waffen für die Luftwaffe

• Leonidowka (Penza Region): C-Waffen für die Luftwaffe

• Pochep (Bryansk Region): Binäre Kampfstoffe und C-Waffen für die Raketenstreitkräfte

• Schuchie (bei Saratow, Kurgan Region): C-Waffen für die Raketenstreitkräfte

• Kambarka (bei Wotkinsk): C-Waffen für die CBR-Schutztruppen des Heeres

• Kizner (Udmurt Republik): C-Waffen für die CBR-Schutztruppen des Heeres (ca. 6 300 Tonnen Lewisit.

Es ist nicht bekannt, welche Mengen an Kampfstoffen in diesen sieben Depots lagern.

Probleme und Kosten der Vernichtung
Von der Vernichtung von C-Waffen sind vor allem die USA und Russland sowie der Irak als Folge der UN-Waffenstillstandsresolution vom April 1991, aber auch die Staaten mit Altbeständen aus dem 1. und 2. Weltkrieg und dem Kalten Krieg betroffen. Die USA und Russland sind dabei mit folgenden Problemen bei der Vernichtung chemischer Waffen konfrontiert: a) technische Probleme (insbesondere bei der sicheren Lagerung und umweltverträglichen Demilitarisierung); b) Gesundheits- und Umweltprobleme (Vereinbarkeit mit den nationalen Gesetzen und Verfahren zu deren Überwachung); c) Akzeptanzprobleme in der Bevölkerung, die durch lokale Proteste den Beginn der Demilitarisierung chemischer Waffen wiederholt verzögert haben; und d) immense Kosten, über die genaue Schätzungen kaum möglich sind. Allerdings sind diese Kosten weit geringer als diejenigen, die bei einer Fortsetzung des chemischen Rüstungswettlaufs notwendig gewesen wären. Durch die Kooperation beider Staaten bei der Vernichtung der chemischen Waffen können die Kosten deutlich gesenkt werden. Am 1. Juni 1991 unterzeichneten die Vereinigten Staaten und die UdSSR ein bilaterales CW-Vernichtungsabkommen. Im Januar 1994 wurden dessen Ziele von Clinton und Jelzin bekräftigt und ein gemeinsamer Arbeitsplan verabschiedet, der einen detaillierten Datenaustausch vorsieht. In der 2. Jahreshälfte 1994 begannen die ersten Versuchsinspektionen in amerikanischen und russischen CW-Lagerstätten. Das amerikanische CW-Vernichtungsprogramm erfuhr 1995 und 1996 zahlreiche Verzögerungen. Die Schätzungen über die Gesamtkosten für das amerikanische Vernichtungsprogramm waren wegen technischer Probleme und Umweltgesichtspunkten von ursprünglich 7-8 Mrd. $ auf 12,4 Mrd. $ (1996) bis zum Jahr 2004 angestiegen. Bis Juli 1995 wurden insgesamt 2 Mrd. $ für das amerikanische CW-Vernichtungsprogramm aufgewendet. Das russische CW-Vernichtungsprogramm wurde durch ein präsidentielles Dekret vom 25.3. 1995 begonnen. Am 26.10.1995 wurde der CW-Vernichtungsplan durch die russische Regierung gebilligt, der eine schrittweise Vernichtung aller C-Waffen zwischen 1996 und 2008 vorsieht. Die Duma nahm das Gesetz zur Vernichtung der Chemischen Waffen am 27.12.1996 mit 345 : 0 an, der russische Föderationsrat lehnte es jedoch am 23.1.1997 wegen unzureichender ökologischer Sicherheitsvorkehrungen ab. 1999 wurden die geplanten Kosten für das gesamte CW-Vernichtungsprogramm auf ca. 6 Mrd. $ geschätzt, wovon die russische Regierung von 1995-97 erst 10 Mio. $ bereitstellte. Russische Regierungsvertreter gehen davon aus, dass 35 - 50 % der Ausgaben durch internationale Hilfsprogramme finanziert werden müssen.
Brauch, Hans Günter, Dr. phil., Privatdozent für Politische Wissenschaft am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften, Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin; Vorsitzender und Projektleiter bei AFES-PRESS; wissenschaftlicher Berater und Publizist; seit 1989 Vertretung mehrerer Professuren für Internationale Beziehungen an den Univ. Frankfurt/Main, Leipzig und Greifswald. Zuvor wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Univ. Heidelberg und Stuttgart und Lehrbeauftragter an den Univ. Darmstadt, Tübingen, Stuttgart und Heidelberg. Studium der Politischen Wissenschaft, Neueren Geschichte, des Völkerrechts und der Anglistik in Heidelberg und London; Promotion an der Univ. Heidelberg und Habilitation an der Freien Universität Berlin.

Buchveröffentlichungen
ca. 30 Buchveröffentlichungen in deutscher und englischer Sprache, darunter zu Fragen der chemischen Waffen: Der Chemische Alptraum oder gibt es einen C-Waffen-Krieg in Europa? (1982); (mit A. Schrempf): Giftgas in der Bundesrepublik (1982); (Hrsg. mit R.D. Müller): Chemische Kriegführung und chemische Abrüstung (1985); sowie zahlreiche Beiträge zu Fragen der chemischen Abrüstung in der Zeitschrift: Vereinte Nationen.

Adresse
PD Dr. Hans Günter Brauch, Alte Bergsteige 47, D-74821 Mosbach, Telefon: +49-6261-12912 Fax: +49-6261-15695 E-Mail: brauch@afes-press.de, http://www.afes-press.de


7. Ho Chi Minh ging – Coca-Cola kam (vollständiges Referat)
Aus den Erfahrungen eines Hilfswerkarbeiters

Samuel Andres, Programmbeauftragter beim HEKS (Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz) für Südostasien und die Türkei

Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt haben sich von fahlen Glühbirnen in strahlende Kronleuchter verwandelt, deren Lichter immer mehr Investoren anlocken, die immer höhere und teurere Hotels und noch feudalere Geschäftshäuser in den Himmel hochbetonieren. Die bis zur Asienkrise verzeichneten Wachstumsraten von sieben bis elf Prozent nehmen sich aus wie die faszinierenden schwarzen Streifen auf einem Tigerfell. Vietnam ist tatsächlich eine Art Tiger. Aber im Gegensatz zu den echten Tigern stillt dieser "Tiger-Staat" seinen Hunger nicht mit Fleisch, sondern mit allem, was Geld hergibt: Er bulldozert historische Stadtquartiere nieder und stellt Glaspaläste drauf, verschachert seine letzten Wälder und verscharrt die Menschenrechte, weil sie seine Raffgier behindern. In den bestechenden Hochglanz-Wirtschaftszeitschriften finden sich, eingeklemmt zwischen Bruttosozialprodukt, Goldpreisen und spindeldürren Mannequin-Stars, die Lobpreisungen der grossen Gewinner auf die freie Marktwirtschaft: Portraits von Unternehmern und Topmanagern, denen der Erfolg aus allen Pooren trieft. War dies das Ziel der Planer: dass durch diese Art "Entwicklung", die Zahl der Armen je nach Region um 5 bis 35 Prozent zunimmt?

Ein Krieg, der Vietnam zerstörte und die Welt prägte
Das vietnamesische Volk, welches für seine koloniale Befreiung unermessliches Leid ertragen musste, wurde in seiner wirtschaftlichen Entwicklung um Jahrzehnte zurückgeworfen. Die Wunden des Vietnamkrieges, der 145 Milliarden Dollar kostete und an dem 2,7 Millionen US-Soldaten - wovon 57'000 umkamen - beteiligt waren, sind zwar vernarbt, aber in jeder Familie bleibt die Erinnerung daran mit grossem Schmerz und tiefer Trauer verbunden: 2 Millionen Tote, 5 Millionen Verwundete, 1 Millionen Witwen, 880'000 Waisen, 12 Millionen Vertriebene. In diesem Krieg wurden 14 Millionen Tonnen Bomben, Artilleriegeschosse und Minen verwendet - zehnmal mehr als im zweiten Weltkrieg in Deutschland. Nach Kriegsende war das ganze Land mit 25 Millionen Bombenkratern durchsiebt, was einem Verlust von 140'000 Hektar Anbaufläche gleichkommt. Und unter der Erde lagen noch 400'000 Tonnen nicht explodierter Bomben und Granaten...

Das Kriterium unserer Hilfe ist nie das politische System, sondern die Not der Menschen
Es war das von Menschen anderen Menschen zugefügte Unrecht, auf welches das HEKS vor über 30 Jahren in Vietnam antworten musste. Für uns gab es - trotz heftigster Kritik aus der Schweizer Öffentlichkeit - weder Norden noch Süden, sondern ein Volk das Hilfe brauchte! Von Anbeginn bis heute versteht das HEKS seinen Auftrag als Begleitung der Menschen in ihren Anstrengungen zur Schaffung von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung (GFS). Diese Begleitung war der jeweiligen politischen Situation angepasst. Während des Krieges war es vor allem die Suche nach Frieden durch massive Unterstützung im Norden - zusammen mit Caritas, dem Roten Kreuz und Terre des Hommes - wie zum Beispiel der Bau eines 1'500-Betten-Spitals in Hanoi und die Errichtung der Bauplattenfabrik Duripanel in Viet Tri als Antwort auf die US-Bombardierungen; im Süden war es Nothilfe für Abertausende von Vertriebenen und politische Gefangene des Thieu-Regimes; Appelle an alle Kriegsparteien für einen Waffenstillstand und die Aufnahme von Friedensverhandlungen ohne Vorbedingungen. Nach dem Krieg konzentrierte sich das HEKS auf die folgenden Prioritäten: Förderung der Wiederaussöhnung; Organisierung der 2. internationalen Konferenz für den Wiederaufbau in Vietnam, im Jahre 1978 in Zürich; intensive Hilfe bei der Wiederinstandsetzung von Infrastrukturen in den entlaubten und zerbombten Gebieten - vor allem im Mekongdelta; Ankurbelung der Nahrungsmittelproduktion durch den Bau des ersten Reissilos in Vietnam überhaupt, mit einer Lagerkapazität von 10'000 Tonnen; Gründung und Aufbau des nationalen Institutes für Akupunktur in Hanoi - heute das grösste Zentrum dieser Art in ganz Asien. Von 1979-1989 führten die anhaltenden Flüchtlingswellen der "Boat People", das ungelöste Problem der Umerziehungslager und der Truppeneinmarsch in Kambodscha das Land in die grösste Nachkriegskrise und weltweite Isolation. Diese dramatischen Ereignisse veranlassten das HEKS zu akzentuierten, politischen Aktionen: So wurde am 17. Juli 1980 der "Appell für Frieden in Kambodscha" lanciert, welcher auch vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund, der Schweizerischen Bischofskonferenz, der Caritas und anderen Organisationen in Europa, den USA, Kanada und Australien unterstützt wurde. Gefordert war darin unter anderem die Aufhebung des Entwicklungshilfe- und Handelsembargos, Wiedergutmachungsentschädigungen an Vietnam sowie der vietnamesische Truppenrückzug aus Kambodscha. Das HEKS setzte sich auch unablässig in persönlichen Gesprächen mit dem früheren Premierminister Pham Van Dong, General Giap und Spitzenfunktionären der kommunistischen Partei für die Aufhebung der Umerziehungslager ein und erwirkte schliesslich auch die Freilassung von 130 Inhaftierten.

Touristenboom, Verelendung und Aids
Mit der wirtschaftlichen Öffnung will Vietnam - das sich weiterhin zum sozialistischen Einparteiensystem bekennt - seine Vergangenheit endgültig hinter sich lassen und hat zum grossen Sprung angesetzt. Bis zur Asienkrise welche 1997 auch Vietnam an den Rand des wirtschaftlichen Abgrunds drängte, bezeichneten Finanzexperten das Land als den neuen, asiatischen Tiger. Weltbank und IWF sprachen grosszügig Kredite und die privaten Investoren nahmen von Tag zu Tag zu: Es lockten die wegen des langen Krieges unangetasteten Bodenschätze und das riesige Heer von billigen und willigen Arbeitskräften, die schnelle und grosse Gewinne versprachen. Da sich die Investitionen aber vor allem auf die Regionen Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt konzentrieren, scheinen 80 Prozent der Bevölkerung - die Bäuerinnen und Bauern - am falschen Ort zu stehen, um vom Segen der, in Vietnam benannten, "sozialen Marktwirtschaft" zu profitieren. Laut Weltbankstatistik hatte die Zahl der Armen 1998 je nach Region um 5 bis 35 Prozent zugenommen. Im verzweifelten Bemühen, sich durch die Wirtschaftsliberalisierung das politische Überleben einhandeln zu können, ist es für die Regierung praktisch unmöglich geworden, im gegenwärtig herrschenden "Wildwestkapitalismus" eine klare Wirtschaftspolitik auszuarbeiten, geschweige denn in die Tat umzusetzen. Ein hoher Funktionär klagte mir auf meiner letzten Reise: "Unser grösstes Problem ist die Korruption: 10 bestrafte Beamte werden durch 10 neue ersetzt, welche sich im Handumdrehen auch von dieser Seuche anstecken lassen!" Wird der beschwörende Appell des Generalsekretärs der kommunistischen Partei vom 13. November 1999 etwas nützen? Er mahnte alle Parteimitglieder und Staatsangestellte bis hinunter zur Arbeiterschaft, die ihnen anvertrauten Aufgaben pflichtbewusster und ehrlicher auszuführen, um die durch die Asienkrise verursachten Rückschläge möglichst schnell wettzumachen. Er verlangte auch eine qualitativ bessere, offenere und direktere Selbstkritik auf allen Stufen des öffentlichen Lebens. Viele fragen sich heutzutage, für wen die Regierung eigentlich da sei und geben sich die Antwort gleich selber: sicher nicht für uns, die Armen. Ho-Chi-Minh-Stadt, Hanoi und andere Städte sind zum Wunschziel vieler geworden, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven: Für Touristen aus aller Welt zum Vergnügen und Erleben; für Abertausende von Landbwohner in der Hoffnung auf bessere Lebensverhältnisse. Stattdessen fallen viele von ihnen in den Sumpf von Kriminalität, Drogensucht, Prostitution und Aids. Und Aids nimmt jetzt in beängstigendem Tempo den umgekehrten Weg: von den Städten zurück in die Dörfer und breitet sich so über das ganze Land aus. Und darauf ist Viertnam überhaupt nicht vorbereitet.

Nicht ohne die Bauern, die Frauen und die Jugend

Das HEKS arbeitet weitab von den Kronleuchtern. Dort, im Hochland von Vietnam, wo zwei Hühner entscheiden, ob der Bauer Hoa Schulbücher für sein Kind kaufen kann. Dort, im Slum von Ho-Chi-Minh-Stadt, wo die Eltern nicht wissen, woher ihre Tochter Kim das Geld für den Familienunterhalt herbringt und, dass sie im Nobelhotel "Rex" Aids aufgelesen hat. Trotz grossen und oftmals unüberwindbar scheinenden politischen und bürokratischen Hindernissen gilt für das HEKS seit über 30 Jahren als oberstes Prinzip der Ansatz von unten. Das heisst, die Verwirklichung einer Entwicklung, welche unter Einbezug aller Betroffenen, den tatsächlichen Bedürfnissen des ganzen Menschen gerecht wird. Die echten Akteure in den vom HEKS unterstützten Projekten sind die Marginalisierten. Diejenigen, welche durch die "Gewinner" der Globalisierung, an den Rand der menschlichen Existenzmöglichkeit gestossen werden: Kleinbauern, Frauen, Strassenkinder und arbeitslose Jugendliche. Während Touristen die pietätlose Vermarktung blutgetränkter Kriegsschauplätze anheizen und sich in Cù Chi für ein paar Dollar schweissgebadet und nach Luft schnappend durch das enge Tunnelsystem der Widerstandskämpfer - das vielen US-Soldaten zur Todesfalle wurde - zwängen und mit russischen Kalaschnikov's herumballern, begiesst der Kleinbauer Nguyen van Nam nur hundert Schritte nebenan seine frisch gepflanzten Fruchtbäume. Er ist einer der zahlreichen Nutzniesser des HEKS-Kreditprogrammes im Mekongdelta, das es den Bauern ermöglicht, die giftige Reis-Monokultur in eine umweltschonende, diversifizierte Nahrungsmittelproduktion umzubauen.

Samuel Andres (geb. 7.3.1941, gestorben April 2003) war Programmbeauftragter beim HEKS (Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz) für Südostasien und die Türkei. Mit 27 Jahren IKRK-Delegierter in Biafra. Weil dort Bührle-Kanonen Rotkreuzflugzeug beschossen, wurde er zum Militärdienstverweigerer. Anfang der 70er Jahre reiste er nach der grossen Erbebenkatastrophe nach Peru (30 000 Tote), später nach dem Bürgerkrieg nach Ostpakistan, wo er in Flüchtlingslagern die private Spendenaktion "Rheintaler retten bengalische Kinder" organisierte. Später: Reisen in das Sahel- Dürregebiet. 1975 beim HEKS Verantwortlicher für Katastrophenhilfe.

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