1. Einführung von Peter Jaeggi (Auszug)
Vielen Dank dafür, dass Sie nicht wegsehen.
– Ich kann diese Kinder nicht anschauen. ? Wie können
Sie das Jahr 2000 mit einem solchen Thema beginnen?? Wir möchten
auf die Ausstellung hinweisen, aber bitte schicken Sie uns anstelle
des Kindes mit Missbildungen ein etwas fröhlicheres Bild. ? Sätze,
die uns so oft auf dem Weg dieses Projektes begegnet sind. ?Man fragt
sich unwillkürlich: wohin schaut man, wenn man wegschaut? ?Weshalb
wollen so viele das Elend anderer nicht mehr sehen? ?Sind wir auf
dem Weg einer gewaltigen Entsolidarisierung? ?Wohin das führt
sie?
2. Die Auswirkungen von Agent Orange
und der Fonds für die Opfer von AO (vollständiges Referat)
Prof. Dr. med. Le Cao Dai
Leiter des Fonds für die Opfer von Agent Orange (AGORAVIF)
1966 sah ich erstmals drei riesige Flugzeuge, die mit hoher Geschwindigkeit
knapp über den Baumwipfeln flogen. Unter diesen Bäumen war
unser Feldlazarett aufgebaut. Der ganze Wald vibrierte unter den heftigen
Luftbewegungen, die durch die Flugzeuge ausgelöst wurden, und
langsam senkte sich ein feiner Nebel mit einem leichten Chemikaliengeruch
über uns.
Als unser Feldlazarett in das zentrale Hochland von Vietnam verlegt
wurde, um Patienten und verwundete Soldaten der südvietnamesischen
Befreiungsarmee zu versorgen, erreichte die Entlaubungskampagne durch
amerikanische Flugzeuge entlang des Ho-Chi-Minh-Pfades und in unserer
Umgebung ihren Höhepunkt. Wenige Tage nach dem Chemikalienregen
färbten sich im Wald, der unser Lazarett verbarg, alle Blätter
gelb und begannen abzufallen. Neben der Entlaubungswirkung war uns
damals kaum etwas über die möglichen gesundheitlichen Langzeitfolgen
dieser Chemikalien bekannt. Allerdings befanden sich in unserem Lazarett
eine ungewöhnlich hohe Zahl von Patienten mit Malaria, Diarrhö
usw. Viele von ihnen starben an einer akuten Form dieser Krankheiten.
Zudem sahen wir die ersten Fälle von Leberkrebs. Erst vier Jahre
später, als ich 1970 für eine wissenschaftliche Tagung nach
Hanoi zurückkehrte, erhielt ich Kenntnis von Agent Orange und
Dioxin.
Während des Vietnamkriegs wurden der Süden Vietnams und
Teile von Laos und Kambodscha zu militärischen Zwecken stark
mit Chemikalien besprüht. Die USA haben den Einsatz dieser Mittel
1961 begonnen und 1971 eingestellt. Die Armee des Regimes in Saigon
benutzte die Chemikalien jedoch noch bis1975. Es wurden zahlreiche
toxische Substanzen, in erster Linie Herbizideund Entlaubungsmittel,
eingesetzt. Mit der Herbizid-Sprühaktion unter dem Codenamen
"Operation Ranch Hand" wurden vor allem die folgenden Zielsetzungen
angestrebt:
• Schutz der Militärstützpunkte der Amerikaner und
ihrer Verbündeten vor Angriffen
• Zerstörung des Laubwerks, um verborgene militärische
Stellungen
• Waffenlager und Transportrouten aufzudecken und dadurch Luft-
und Artillerieangriffe zu erleichtern
• Zerstörung von Ernten, um die Guerilla-Armee zu schwächen.
Nach Schätzungen wurden insgesamt 72 Millionen Liter Herbizide
versprüht. Davon waren 44 Millionen Liter Agent Orange, die mit
170 kg Dioxin kontaminiert waren.
Seit dem Ende des Krieges ist ein Vierteljahrhundert vergangen, doch
noch immer leiden Umwelt und Menschen unter den zahlreichen, schwerwiegenden
Folgen der chemischen Kriegführung.
Nach den Daten, die uns zur Verfügung stehen, wurden über
3'004'000 ha (17,8% der Fläche von Südvietnam) mit Chemikalien
besprüht. Davon waren 95% Wald im Inland und 5% Mangrovenwald
an der Küste.
Dadurch wurde das ökologische Gleichgewicht stark beeinträchtigt.
Die massive Zerstörung des Waldes führte in der Regenzeit
zu schweren Überschwemmungen und in der Trockenzeit zu Dürreperioden.
Der Mutterboden wurde weggeschwemmt, der Boden ermüdete und entwickelte
sich zu Laterit, wodurch die Erholung des Waldes gehemmt oder gar
verhindert wurde. Während in den höher gelegenen Gebieten
Erosion auftrat, wurden das Tiefland mit Sedimenten überdeckt,
was die Gefahr von Überschwemmungen noch weiter verstärkte.
Auch die Fauna (Vögel und am Boden lebende Tiere) wurde schwer
geschädigt.
In den letzten fünfzehn Jahren konnten wir in Zusammenarbeit
mit ausländischen Wissenschaftlern Böden, Nahrungsmittel
und menschliches Gewebe auf Dioxinrückstände untersuchen.
Verschiedene der untersuchten Boden- und Flussschlammproben aus stark
besprühten Regionen wiesen eine relativ geringe Dioxinkonzentration
auf. Die geografischen Gegebenheiten des Landes (eine lange Bergkette,
die einen Teil des Landes von Norden nach Süden durchquert, die
Nähe des Meeres sowie das tropische Klima mit starken Regenfällen
und Überschwemmungen, die in den letzten 30 Jahren fast jährlich
auftraten) haben zwar möglicherweise die verheerenden Folgen
für die Wirtschaft und das menschliche Leben mitverursacht. Gleichzeitig
trugen sie aber auch dazu bei, das Dioxin wegzuschwemmen und seine
Konzentration im Boden zu verringern.
Parallel zur Abnahme der Dioxinkonzentration in der Umwelt war auch
in den Nahrungsmitteln, die ab 1986 bis heute untersucht wurden, eine
normale Konzentration festzustellen, die jener anderer Länder
ähnlich war. Seit 1986 - und möglicherweise schon bedeutend
länger - sind Nahrungsmittel aus Vietnam, die für den Konsum
im Inland oder für den Export bestimmt sind, unbedenklich.
Alle Untersuchungen, die bisher an menschlichem Gewebe (Fettgewebe,
Blut, Muttermilch) vorgenommen wurden, ergaben bei Menschen, die in
besprühten Regionen leben, und bei Veteranen, die ihm Süden
gedient hatten, stets eine höhere Dioxinkonzentration als bei
Landsleuten, die immer in den nicht besprühten Regionen in Nordvietnam
gelebt hatten.
Im Rahmen einer Studie mit gepooltem Blut von verschiedenen Menschen
aus der gleichen Region wurde eine Dioxinkarte für das ganze
Land erarbeitet. Diese Karte sowie eine kürzlich durchgeführte
Forschungsarbeit zeigen, dass die Chemikalienlager, die in den früheren
Luftwaffenstützpunkten errichtet wurden, eine erhebliche Kontaminationsquelle
darstellen. Offensichtlich geht die Dioxinkontamination durch diese
ehemaligen Stützpunkte bis in die heutige Zeit weiter. Diese
Gebiete müssen deshalb gesäubert werden, um eine weitere
toxische Einwirkung auf die Menschen zu verhindern, die in der Umgebung
leben.
Verschiedene Studien, die mit Veteranen in Amerika durchgeführt
wurden, lassen darauf schliessen, dass zwischen der Agent-Orange-Exposition
und verschiedenen Erkrankungen ein Zusammenhang besteht. Ähnliche
Resultate ergaben sich auch in epidemiologischen Studien, die in Vietnam
durchgeführt wurden:
• eine höhere Krebsrate, einschliesslich von primären
Lebertumoren und von Tumoren im Mund- und Rachenraum
• Immundefekte, die zu einem vermehrten Auftreten von Infektionskrankheiten
führen
• Stoffwechselstörungen, insbesondere im Fett- und Kohlenhydratstoffwechsel
• bei Frauen: eine erhöhte Rate von Anomalien während
der Schwangerschaft (Fehlgeburten, Blasenmolen und Gebärmutterkrebs);
besonders gravierend für die Familien und die Gesellschaft ist
eine erhöhte Rate von angeborenen Defekten, die wiederholt und
in mehreren Generationen der Familie auftreten.
Bis Dezember 1998 wurden keine landesweiten Erhebungen mit Opfern
von Agent Orange durchgeführt. Ausgehend von Piloterhebungen
wurde die Zahl dieser Opfer auf gegen eine Million Menschen geschätzt.
Davon sind 100'000 Kinder, die aufgrund einer Exposition gegenüber
Agent Orange an Behinderungen leiden.
Während Jahren hat das Vietnamesische Rote Kreuz (VNRC) im Rahmen
seiner humanitären Tätigkeit die Opfer von Agent Orange
in verschiedener Hinsicht unterstützt. 1998 schuf es einen speziellen
Fonds für die Opfer von Agent Orange (AGORAVIF), um vermehrt
inländische und ausländische Mittel für die Unterstützung
dieser Menschen zu mobilisieren.
Gegenwärtig verfügt der Fonds über 45 Zweigbüros
in den verschiedenen Provinzen des Landes. Er strebt die folgenden
Hauptziele an:
• Verbreitung der Kenntnisse über Agent Orange (AO) und
dessen Auswirkungen
• Erbringung von Leistungen im Bereich der Gesundheitsversorgung
und der funktionellen Rehabilitation sowie Bereitstellung von medizinischem
Material wie beispielsweise Rollstühle für die Opfer von
AO
• Vermittlung einer grundlegenden Ausbildung und einer Berufsausbildung
an behinderte Kinder, um ihnen die Integration in die Gesellschaft
zu ermöglichen
• Verbesserung des Lebensstandards ihrer Familien durch kleine
Darlehen im Hinblick auf die Erzielung eines Einkommens.
Prof. Le Cao Dai, Geburtsdatum: 6. Juni 1928 Beruf: Arzt. 1945: Aufnahme
des Medizinstudiums in Hanoi. 1948-54 (Indochinakrieg): Kommandant
eines Regiments. Mobile medizinische Einheit. 1966-74: Teilnahme am
Vietnamkrieg als Chirurg. Verantwortlicher eines militärischen
Feldlazaretts im zentralen Hochland (Südvietnam). 1984-95: Generalsekretär
des nat. Ausschusses zur Untersuchung der Folgen der im Vietnamkrieg
eingesetzten Chemikalien, des sogenannten Komitees 10 -80. Ab 1998
Leiter des Fonds für die Opfer von Agent Orange (AGORAVIF). Gestorben
am 15. April 2002.
Wichtigste Publikationen: Verschiedene Forschungsarbeiten zu den Folgen
von Agent Orange für die Umwelt und die menschliche Gesundheit,
die an nationalen und internationalen wissenschaftlichen Konferenzen
vorgestellt wurden. Veröffentlichungen in verschiedenen vietnamesischen
und ausländischen Publikationen. "Agent Orange and its Consequences",
Monografie, Vietnamesisches Rotes Kreuz, 1999, 234 Seiten, 13x19.
"Days and Nights in Central Highland" (Erinnerungen an ein
Feldlazarett in Südvietnam), Lao Dong Publisher, 1997; existiert
nur in vietnamesich.
3. Effects of Agent Orange and the agent orange victims fund
by Prof. LE CAO DAI. MD, Executive Director Auf The Agent Orange Victim
Fund (AGORAVIF)
It was in 1966, when I fist saw three huge aircraft flying at a high
rate of speed, close to the tops of the trees. Under these aircraf,
my field hospital was set up. The entire forest vibrated under the
violent wind blown from the aircraft while a mist with a light smell
of chemicals fell down slowly from the sky. When our field hospital
came down to the Vietnam Central Highlands, to serve patients and
wounded soldiers of the Liberation Army of South Vietnam that was
the time when the defoliation campaign by American aircraft reached
its peak along the Ho Chi Minh trail and surrounding our locations...
A few days after the rain of chemicals came, all the leaves of the
forest, under which our hospital was hidden, turned yellow and started
to fall Except for the defoliation effects, at the moment we knew
almost nothing about the possible long-lasting effects those chemicals
might have on our health, even though our hospital was filled with
an unusually high number of patients suffering from malaria, diarrhea
....Many of them died from an acute form of these illnesses... Also,
we started to see some cases of liver cancer...Only 4 years later,
in 1970, when I had the chance to return for a scientific meeting
in Hanoi, I did hear about Agent Orange and dioxin ... During the
Second Indochine War, the South of Vietnam and parts of Laos and Cambodia
were heavily sprayed with chemicals for military purposes. The use
of chemicals began in 1961 and was halted by the U.S in 1971. However,
forces of the regime in Saigon continued to use these chemicals until
1975. Although many toxic substances were employed, the most common
were herbicides and defoliants. The herbicide spraying operation known
under the code name " Operation Ranch Hand" was aimed at
the following major goals:
• To protect US and allied military bases from attack
• To destroy foliage in order to discover hidden military
positions, stores and transport routes, thus facilitating air and
artillery strikes
• To destroy crops thought useful to guerilla forces
An estimated total volume of 72 million litters of herbicides were
sprayed, of which 44 million liters were Agent Orange contaminated
with 170 kg of dioxin. A quarter of century has passed since the end
of the war, but many severe effects of the chemical warfare can be
still observed in the environment as well as in humans According to
our records, more than 3,004,000 ha, (17.8 % of South Vietnam's acreage
was sprayed with chemicals. Of this, 95 % was inland forests and 5
% coastal mangrove forest.
This caused a great ecological imbalance. The massive destruction
of forest led to severe flooding in the rainy season and drought in
the dry season ... Topsoil washed away, the land become exhausted
and lateritlized, producing conditions that inhibit and prohibit forest
recovery. While the uplands became eroded, the lowlands became choked
with sediment, still further increasing the threat of flood. Wild
life (birds, and terrestrial animals) were also severely damaged ,
Those last fifteen years, with the cooperation with foreign scientists,
we were able to test for dioxin in soil, food and human tissues. Several
samples of tested soils and river mud, in former heavily sprayed areas,
showed fairly low levels of dioxin, Perhaps the geographical condition
of the country (a long chain of mountains, going from the North to
the South through part of the country, areas close to the ocean, and
the tropical climate, producing heavy rains and flood, occurring yearly
for almost 30 years, helped to cause the devastating effects on the
economy and human life, but, at the same times, these conditions helped
to flush dioxin away and decrease its levels in soil. Parallel to
the decrease of dioxin levels in the environment, the food tested
from 1986 to the present showed a normal level, similar to the one
from other countries. Food from Vietnam for domestic use as well as
for exportation are quite safe since 1986 and may be much earlier.
All the tests done so far in human tissue (fat tissue, blood, breast
milk) always show a higher level of dioxin in people living in sprayed
areas and in veterans having served in the South compared to their
compatriots who always stayed in non sprayed areas of North Vietnam.
A study using blood pooled from several people living in a same area
has led to a dioxin map of the country. The map and recent research
has found an important source of contamination from chemical warehouses
built inside former airbases. It appears that the dioxin contamination
continues to the present time from the former airbases. Those areas
need to be cleaned up to avoid further intoxication to habitans living
around. Similar to several studies done in Veterans of America showing
relationaship between Agent Orange exposure and several kind of diseases,
epidemiology studies conducted in Vietnam suggest :
• An increased rate of cancer including primary liver cancer
and oropharynx cancer
• Immune deficiency leading to an increased rate of infectious
diseases metabolism disturbances especially lipid and glucid metabolism
• In women : increased rate of abnormalities of pregnancy
( miscarriage, molar pregnancy and choriocarcinoma, and especially
severe for the family and the society is an increased rate of birth
defects which could occur several times and several generations in
a family.
Surveys on Agent Orange victims were not carried out nationwide until
December, 1998. Through pilot surveys, the number could be estimated
at about 1 million people, of which 100,000 are disable children as
result of Agent Orange exposure.
For many years the Vietnam Red Cross (VNRC), in its humanitarian task,
has provided various kind of support to victims of Agent Orange. Since
1998, VNRC has set up a special fund called the Agent Orange Victims
Fund (AGORAVIF) to further mobilize domestic and foreign resource
for supporting Agent Orange victims.
At the present time, the Fund has 45 branches throughout different
provinces of the country. The main objectives of the Fund are:
• To disseminate knowledge on Agent Orange (AO) and its effects
• To provide health care, functional rehabilitation, medical
equipment (wheel chairs...) to AO victims
• To give disabled children some basic education and professional
training so that they can integrate into social life later
• To help raise their family's living standards with small
loans for income generation.
Le Cao Dai (June 6,1928 - April 15th 2002). Occupation: Professor,
Medical Doctor. Started Medical School Hanoi in 1945. During the 1st
Indochina war from 1948-1954, has served as Head of a Regiment. Mobile
Medical Unit . From 1966-1974, participated to the 2nd Indochina War
as Surgeon. Director of a field military hospital in the Central Highland
(South Vietnam). After the war, from 1984-1995, General Secretary
of the " National Committee to Investigate the Consequences of
the Chemicals used during the Vietnam war, so called "10/80 Committee".
Since 1998, Director of the Agent Orange Victim Fund (AGORAVIF) to
assist the victims of Agent Orange. Main publications: Several researches
on the aftermath of Agent Orange on the environment and human health
presented at national and International scientific conferences. Published
in several Vietnamese and foreign publications "Agent Orange
and its consequences " Monograph published by Vietnam Red Cross-1999-234
pages, 13X19. "Days and Nights in Central Highland (memory about
a field hospital in south Vietnam). Published in 1997 by Lao Dong
Publisher 550 pages, 15X17
4. "Agent Orange" als Herausforderung für
das Rote Kreuz in Vietnam (Auszug)
John Geoghegan, Leiter der Delegation der Internationalen
Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften in Hanoi
Ist Agent Orange die Ursache für Leiden und Behinderungen bei
Kindern und Enkeln der einst mit dem Herbizid kontaminierten Menschen?
Zu dieser Frage gibt es im grossen und ganzen zwei Schulmeinungen:
zum ersten die Meinung, Agent Orange sei für viele angeborene
Schäden in der zweiten und dritten Generation (also der Kinder
- viele von ihnen in ihren Zwanzigern - und Enkel der besprühten
Menschen) verantwortlich zu machen. Sie wird von zahlreichen vietnamesischen
Wissenschaftlern, Regierungsvertretern und Mitgliedern betroffener
Familien sowie einigen nichtvietnamesischen Wissenschaftlern vertreten.
Und zum anderen die Meinung einer zweiten Denkschule, die von zahlreichen
anderen Wissenschaftlern und Offiziellen vertreten wird, wonach ein
Zusammenhang zwischen Agent Orange und den Krankheiten und Behinderungen
zweifelhaft sei.
Nach breiten Untersuchungen lebt in einigen Teilen des Landes eine
beträchtliche Zahl einkommensschwacher Familien mit Kindern -
in vielen Fällen inzwischen bereits erwachsene Kinder - , die
an schweren Behinderungen und chronischen Krankheiten leiden. Zwar
ist die Ursache dieses hohen Anteils einschlägiger Behinderungen
in diesen Gruppen umstritten, doch wurden in manchen Fällen die
Langzeitwirkungen von Agent Orange als Gründe genannt.
Vor dem Hintergrund der laufenden Debatte sind zahlreiche Organisationen
davor zurückgeschreckt, diesen Menschen zu helfen. Das Rote Kreuz
hat beschlossen, sich aus der Polemik herauszuhalten und sich statt
dessen darauf zu konzentrieren, den betroffenen Menschen zu helfen.
Es unterstützt eine grosse Zahl von Menschen mit chronischen
Erbkrankheiten. In der sozialen und medizinischen Unterstützung
dieser schwer behinderten Menschen, die durch das soziale Netz fielen,
sieht das Vietnamesische Rote Kreuz seine Aufgabe.
5. Orange - A challenge faced by the Red Cross and Red Crescent
in Vietnam
By John Geoghegan, Head of Delegation, International Federation ofRed
Cross and Red Crescent Societies, in Vietnam
Whilst the above represents some of the facts, there continues to
be a controversial debate concerning the impact of Agent Orange on
the health and well-being of the second and third generations of some
Vietnamese people. In other words: is Agent Orange the cause of disabilities
in the children and grandchildren of the people who were sprayed with
this herbicide? There are largely two schools of thought on this:
firstly there are those, such as the many people in Vietnam (scientists,
government officials and members of families who are afflicted by
these disabilities) and many scientists outside Vietnam, who believe
that Agent Orange is to blame for many of the birth defects in the
second and third generations (ie the children - many of whom are now
in their twenties - and grandchildren of those people who were sprayed),
and there is the second school of thought, consisting of the many
other scientists and officials who doubt the link between Agent Orange
and disability.
The former group are convinced of the links between dioxin and disability,
and cite evidence of where healthy children were born prior to parental
exposure to dioxin, and disabled children born, to the same parents,
following the exposure. In such cases they have studied family history
and have found no other cases of disability. They have ruled out other
environmental factors (such as the use of pesticides in agriculture)
and have begun to consider linkages between the areas contaminated
with dioxin and the geographical incidence of disability (which are
clearly higher than national norms) The latter group, believe that
direct exposure to the first generation can be substantiated (though
this proof is largely circumstantial as the cost of tissue testing
is prohibitively high), however, they believe that no link to disability
or birth defects has been scientifically proven in the second or third
generations. Their position is that in all the years that this debate
has continued, nothing more than circumstantial evidence has been
presented in an effort to prove the link; the debate, therefore, goes
on until final results from epidemiological studies are made available.
6. Giftgashypotheken zu Beginn des 21. Jahrhunderts Probleme
der Vernichtung von C-Waffen in den USA und in Russland (vollständiges
Referat)
Dr. Hans Günter Brauch, PD an der FU Berlin (Mitautor des Buches)
Chemische Waffen: Produktion und Einsatz im 20. Jahrhundert
Chemische Waffen, Nervenkampfstoffe und Herbizide wurden im 20. Jahrhundert
entwickelt, grosstechnisch hergestellt und in einigen zwischenstaatlichen
Kriegen und innerstaatlichen Konflikten eingesetzt. Die grössten
Einsätze erfolgten im Ersten Weltkrieg mit über 113.000
Tonnen chemischer Waffen und im Vietnamkrieg, wo neben Tränengasen
noch 72 bis 90 Millionen Tonnen der dioxinhaltigen Entlaubungsmittel
(Agent Orange, White, Purple) über Südvietnam, Kambodscha
und Laos von Flugzeugen versprüht wurden. Im Ersten Weltkrieg
gab es zwischen 800.000 und 1.297.000 Gasopfer, davon zwischen 91.000
und 100.000 Gastote. Im Vietnamkrieg wurden neben Menschen (Täter
und Opfer und deren Nachkommen) auch die Flora und Fauna in den versprühten
Gebieten nachhaltig geschädigt.
Herbizide - keine chemischen Waffen?
Die Vereinigten Staaten und einige Verbündeten haben es während
der Verhandlungen über ein Verbot der chemischen Waffen (1969
- 1993) stets abgelehnt, Entlaubungsmittel (Herbizide) und Tränengase
als chemische Waffen zu erfassen. In dem Übereinkommen über
chemische Waffen (CWÜ) vom 13.1.1993, das am 29.4.1997 in Kraft
trat, sind Herbizide nur in der Präambel genannt ("in Anerkennung
des in einschlägigen Übereinkünften und diesbezüglichen
Grundsätzen des Völkerrechts verankerten Verbots, Herbizide
als Mittel der Kriegführung einzusetzen"). Im Herbst 1993
wurden die Herbizide dem Umweltkriegsverbotsabkommen von 1977 unterworfen,
wonach die Staaten sich verpflichten, "umweltverändernde
Techniken, die weiträumige, lange andauernde oder schwerwiegende
Auswirkungen haben, nicht zu militärischen Zwecken oder in sonstiger
feindseliger Absicht als Mittel zur Zerstörung, Schädigung
oder Verletzung eines anderes Vertragsstaats zu nutzen." Herbizide
unterliegen damit NICHT dem strengen Kontrollregime des CWÜ,
das von der Organisation zum Verbot der chemischen Waffen (OPCW) in
Den Haag überwacht wird.
Vernichtungspflicht für chemische Waffen
Nach Art. I, 2 des CWÜ verpflichtet sich jeder Mitgliedsstaat,
"die in seinem Eigentum oder Besitz oder an einem Ort unter seiner
Hoheitsgewalt oder Kontrolle befindlichen chemischen Waffen nach Massgabe
dieses Übereinkommens zu vernichten". Ferner verpflichten
sich die Staaten, die auf dem Gebiet anderer Staaten (z.B. Japan in
China) chemische Waffen zurückliessen, diese zu vernichten. Ausserdem
müssen alle Einrichtungen zur Herstellung chemischer Waffen vernichtet
werden. Nach Art. 5, 8 des CWÜ muss die Vernichtung "spätestens
zehn Jahre nach Inkrafttreten des Übereinkommens" abgeschlossen
sein. Das CWÜ haben bis Ende Dezember 1999 insgesamt 170 Staaten
unterzeichnet und 129 Staaten hatten es ratifiziert. Vor allem zwei
Staaten verfügten bei Inkrafttreten des CWÜ über grosse
Mengen chemischer Waffen und Kampfstoffe: die Vereinigten Staaten
und Russland. Einige weitere Staaten meldeten alte CW-Bestände
aus den beiden Weltkriegen, darunter Deutschland und Japan. Davon
ausgenommen sind die Staaten, die das CWÜ bisher nicht ratifizierten,
darunter zahlreiche arabische Staaten (Ägypten, Libyen, Syrien,
Irak) und Israel, Nordkorea, von denen einige Staaten - nach Angaben
des CIA - vom 9.2.1999 über CW verfügen sollen: Irak, Libyen,
Nordkorea, Sudan und Syrien. Sudan trat am 24.5.1999 dem CWÜ
als Vertragspartei bei.
Vernichtungsvorhaben in den USA
1984 erteilte der Kongress den Auftrag, die USA sollten bis zum Jahr
2004 alle C-Waffen vernichten. Bis 1996 waren aber erst 3% in der
einzigen einsatzbereiten CW-Vernichtungsanlage auf dem Johnston Atoll
im Südpazifik vernichtet worden. Eine zweite CW-Vernichtungsanlage
wurde auf dem Heeresdepot in Tooele gebaut, aber wegen zahlreicher
technischer Probleme und rechtlichen Einsprüchen begann die Verbrennung
von CW-Kampfstoffen erst am 22.8. 1996. Bis zum 18.4.1999 waren erst
etwa 10% des gesamten CW-Potentials vernichtet.
Lagerstätten mit chemischen Kampfstoffen in den USA
Nach Angaben des Arms Control Reporter lagerten Anfang 1996 in den
acht CW-Lagerstätten auf dem Gebiet der USA folgende Mengen an
CW-Kampfstoffen:
• Anniston (Alabama): 2.254 Tonnen (HD und die Nervenkampfstoffe:
GB, VX)
• Edgewood (Maryland): 1.625 Tonnen (Kampfstoff: HD)
• Blue Grass (Kentucky): 523 Tonnen (H, HD und die Nervenkampfstoffe:
GB, VX)
• Newport (Indiana): 1.269 Tonnen (Nervenkampfstoff: VX)
• Pine Bluff (Arizona): 3.850 Tonnen (HD und die Nervenkampfstoffe:
GB, VX)
• Pueblo (Colorado): 2.611 Tonnen (Kampfstoffe: HT, HD)
• Umatilla (Oregon): 3.717 Tonnen (HD und die Nervenkampfstoffe:
GB, VX)
Nur in zwei der neun Lagerstätten waren CW-Vernichtungsanlagen
im Betrieb:
• Tooele (Utah): 13.616 Tonnen (H, HD, HT, NT und die Nervenkampfstoffe:
GB, VX), von denen bis zum 18.4.99 erst 2.663 Tonnen bzw. 19,56% vernichtet
waren
• Johnston (Pazifik): 2.053 Tonnen (HD und die Nervenkampfstoffe:
GB, VX). Bis zum 18.4.1999 wurden 1.645 Tonnen bzw. 81.5% der CW-Munitionen
vernichtet.
Vernichtungsvorhaben in Russland
Bis 2000 sollen die ersten 400 Tonnen chemischer Kampfstoffe vernichtet
werden. In der ersten Phase sollen 7.500 Tonnen Senfgas und Lewisit
in Vorratsbehältern in den Anlagen in Kambarka, Udmurtia und
Gorny (Saratow), d.h. jährlich 1.850 Tonnen, folgen. In der zweiten
Phase sollten chemische Artilleriegranaten und Bomben mit phosphororganischen
Agenzien, d.h. mit Lewisit und Phosgen, vernichtet werden. Am 8.2.1996
kündigte Russland Pläne zum Bau einer CW-Vernichtungsanlage
in Gorny mit finanzieller Unterstützung durch Deutschland, die
USA, Schweden und die Niederlande an, die 1997 ihre Arbeit aufnehmen
sollte. BisApril 1999 hatte Russland aber noch keine CW-Vernichtungsanlagen
an seinen CW- Lagerstätten errichtet und nur eine mobile CW-Vernichtungsanlage
war funktionsfähig.
Lagerstätten mit chemischen Kampfstoffen in Russland
Nach offiziellen russischen Angaben lagerten Anfang 1992 alle chemischen
Waffen in 5 Munitionsdepots und in zwei grossen Chemiedepots in Russland:
• Gorny (bei Saratow nördlich von Wolgograd): Lewisit und
Yperit für die Luftwaffe
• Maradikowsky (Kirow Region): C-Waffen für die Luftwaffe
• Leonidowka (Penza Region): C-Waffen für die Luftwaffe
• Pochep (Bryansk Region): Binäre Kampfstoffe und C-Waffen
für die Raketenstreitkräfte
• Schuchie (bei Saratow, Kurgan Region): C-Waffen für
die Raketenstreitkräfte
• Kambarka (bei Wotkinsk): C-Waffen für die CBR-Schutztruppen
des Heeres
• Kizner (Udmurt Republik): C-Waffen für die CBR-Schutztruppen
des Heeres (ca. 6 300 Tonnen Lewisit.
Es ist nicht bekannt, welche Mengen an Kampfstoffen in diesen sieben
Depots lagern.
Probleme und Kosten der Vernichtung
Von der Vernichtung von C-Waffen sind vor allem die USA und Russland
sowie der Irak als Folge der UN-Waffenstillstandsresolution vom April
1991, aber auch die Staaten mit Altbeständen aus dem 1. und 2.
Weltkrieg und dem Kalten Krieg betroffen. Die USA und Russland sind
dabei mit folgenden Problemen bei der Vernichtung chemischer Waffen
konfrontiert: a) technische Probleme (insbesondere bei der sicheren
Lagerung und umweltverträglichen Demilitarisierung); b) Gesundheits-
und Umweltprobleme (Vereinbarkeit mit den nationalen Gesetzen und
Verfahren zu deren Überwachung); c) Akzeptanzprobleme in der
Bevölkerung, die durch lokale Proteste den Beginn der Demilitarisierung
chemischer Waffen wiederholt verzögert haben; und d) immense
Kosten, über die genaue Schätzungen kaum möglich sind.
Allerdings sind diese Kosten weit geringer als diejenigen, die bei
einer Fortsetzung des chemischen Rüstungswettlaufs notwendig
gewesen wären. Durch die Kooperation beider Staaten bei der Vernichtung
der chemischen Waffen können die Kosten deutlich gesenkt werden.
Am 1. Juni 1991 unterzeichneten die Vereinigten Staaten und die UdSSR
ein bilaterales CW-Vernichtungsabkommen. Im Januar 1994 wurden dessen
Ziele von Clinton und Jelzin bekräftigt und ein gemeinsamer Arbeitsplan
verabschiedet, der einen detaillierten Datenaustausch vorsieht. In
der 2. Jahreshälfte 1994 begannen die ersten Versuchsinspektionen
in amerikanischen und russischen CW-Lagerstätten. Das amerikanische
CW-Vernichtungsprogramm erfuhr 1995 und 1996 zahlreiche Verzögerungen.
Die Schätzungen über die Gesamtkosten für das amerikanische
Vernichtungsprogramm waren wegen technischer Probleme und Umweltgesichtspunkten
von ursprünglich 7-8 Mrd. $ auf 12,4 Mrd. $ (1996) bis zum Jahr
2004 angestiegen. Bis Juli 1995 wurden insgesamt 2 Mrd. $ für
das amerikanische CW-Vernichtungsprogramm aufgewendet. Das russische
CW-Vernichtungsprogramm wurde durch ein präsidentielles Dekret
vom 25.3. 1995 begonnen. Am 26.10.1995 wurde der CW-Vernichtungsplan
durch die russische Regierung gebilligt, der eine schrittweise Vernichtung
aller C-Waffen zwischen 1996 und 2008 vorsieht. Die Duma nahm das
Gesetz zur Vernichtung der Chemischen Waffen am 27.12.1996 mit 345
: 0 an, der russische Föderationsrat lehnte es jedoch am 23.1.1997
wegen unzureichender ökologischer Sicherheitsvorkehrungen ab.
1999 wurden die geplanten Kosten für das gesamte CW-Vernichtungsprogramm
auf ca. 6 Mrd. $ geschätzt, wovon die russische Regierung von
1995-97 erst 10 Mio. $ bereitstellte. Russische Regierungsvertreter
gehen davon aus, dass 35 - 50 % der Ausgaben durch internationale
Hilfsprogramme finanziert werden müssen.
Brauch, Hans Günter, Dr. phil., Privatdozent für Politische
Wissenschaft am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften, Otto-Suhr-Institut
für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin; Vorsitzender
und Projektleiter bei AFES-PRESS; wissenschaftlicher Berater und Publizist;
seit 1989 Vertretung mehrerer Professuren für Internationale
Beziehungen an den Univ. Frankfurt/Main, Leipzig und Greifswald. Zuvor
wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Univ. Heidelberg und Stuttgart
und Lehrbeauftragter an den Univ. Darmstadt, Tübingen, Stuttgart
und Heidelberg. Studium der Politischen Wissenschaft, Neueren Geschichte,
des Völkerrechts und der Anglistik in Heidelberg und London;
Promotion an der Univ. Heidelberg und Habilitation an der Freien Universität
Berlin.
Buchveröffentlichungen
ca. 30 Buchveröffentlichungen in deutscher und englischer Sprache,
darunter zu Fragen der chemischen Waffen: Der Chemische Alptraum oder
gibt es einen C-Waffen-Krieg in Europa? (1982); (mit A. Schrempf):
Giftgas in der Bundesrepublik (1982); (Hrsg. mit R.D. Müller):
Chemische Kriegführung und chemische Abrüstung (1985); sowie
zahlreiche Beiträge zu Fragen der chemischen Abrüstung in
der Zeitschrift: Vereinte Nationen.
Adresse
PD Dr. Hans Günter Brauch, Alte Bergsteige 47, D-74821 Mosbach,
Telefon: +49-6261-12912 Fax: +49-6261-15695 E-Mail: brauch@afes-press.de,
http://www.afes-press.de
7. Ho Chi Minh ging – Coca-Cola kam (vollständiges
Referat)
Aus den Erfahrungen eines Hilfswerkarbeiters
Samuel Andres, Programmbeauftragter beim HEKS (Hilfswerk der Evangelischen
Kirchen Schweiz) für Südostasien und die Türkei
Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt haben sich von fahlen Glühbirnen
in strahlende Kronleuchter verwandelt, deren Lichter immer mehr Investoren
anlocken, die immer höhere und teurere Hotels und noch feudalere
Geschäftshäuser in den Himmel hochbetonieren. Die bis zur
Asienkrise verzeichneten Wachstumsraten von sieben bis elf Prozent
nehmen sich aus wie die faszinierenden schwarzen Streifen auf einem
Tigerfell. Vietnam ist tatsächlich eine Art Tiger. Aber im Gegensatz
zu den echten Tigern stillt dieser "Tiger-Staat" seinen
Hunger nicht mit Fleisch, sondern mit allem, was Geld hergibt: Er
bulldozert historische Stadtquartiere nieder und stellt Glaspaläste
drauf, verschachert seine letzten Wälder und verscharrt die Menschenrechte,
weil sie seine Raffgier behindern. In den bestechenden Hochglanz-Wirtschaftszeitschriften
finden sich, eingeklemmt zwischen Bruttosozialprodukt, Goldpreisen
und spindeldürren Mannequin-Stars, die Lobpreisungen der grossen
Gewinner auf die freie Marktwirtschaft: Portraits von Unternehmern
und Topmanagern, denen der Erfolg aus allen Pooren trieft. War dies
das Ziel der Planer: dass durch diese Art "Entwicklung",
die Zahl der Armen je nach Region um 5 bis 35 Prozent zunimmt?
Ein Krieg, der Vietnam zerstörte und die Welt prägte
Das vietnamesische Volk, welches für seine koloniale Befreiung
unermessliches Leid ertragen musste, wurde in seiner wirtschaftlichen
Entwicklung um Jahrzehnte zurückgeworfen. Die Wunden des Vietnamkrieges,
der 145 Milliarden Dollar kostete und an dem 2,7 Millionen US-Soldaten
- wovon 57'000 umkamen - beteiligt waren, sind zwar vernarbt, aber
in jeder Familie bleibt die Erinnerung daran mit grossem Schmerz und
tiefer Trauer verbunden: 2 Millionen Tote, 5 Millionen Verwundete,
1 Millionen Witwen, 880'000 Waisen, 12 Millionen Vertriebene. In diesem
Krieg wurden 14 Millionen Tonnen Bomben, Artilleriegeschosse und Minen
verwendet - zehnmal mehr als im zweiten Weltkrieg in Deutschland.
Nach Kriegsende war das ganze Land mit 25 Millionen Bombenkratern
durchsiebt, was einem Verlust von 140'000 Hektar Anbaufläche
gleichkommt. Und unter der Erde lagen noch 400'000 Tonnen nicht explodierter
Bomben und Granaten...
Das Kriterium unserer Hilfe ist nie das politische System, sondern
die Not der Menschen
Es war das von Menschen anderen Menschen zugefügte Unrecht, auf
welches das HEKS vor über 30 Jahren in Vietnam antworten musste.
Für uns gab es - trotz heftigster Kritik aus der Schweizer Öffentlichkeit
- weder Norden noch Süden, sondern ein Volk das Hilfe brauchte!
Von Anbeginn bis heute versteht das HEKS seinen Auftrag als Begleitung
der Menschen in ihren Anstrengungen zur Schaffung von Gerechtigkeit,
Frieden und Bewahrung der Schöpfung (GFS). Diese Begleitung war
der jeweiligen politischen Situation angepasst. Während des Krieges
war es vor allem die Suche nach Frieden durch massive Unterstützung
im Norden - zusammen mit Caritas, dem Roten Kreuz und Terre des Hommes
- wie zum Beispiel der Bau eines 1'500-Betten-Spitals in Hanoi und
die Errichtung der Bauplattenfabrik Duripanel in Viet Tri als Antwort
auf die US-Bombardierungen; im Süden war es Nothilfe für
Abertausende von Vertriebenen und politische Gefangene des Thieu-Regimes;
Appelle an alle Kriegsparteien für einen Waffenstillstand und
die Aufnahme von Friedensverhandlungen ohne Vorbedingungen. Nach dem
Krieg konzentrierte sich das HEKS auf die folgenden Prioritäten:
Förderung der Wiederaussöhnung; Organisierung der 2. internationalen
Konferenz für den Wiederaufbau in Vietnam, im Jahre 1978 in Zürich;
intensive Hilfe bei der Wiederinstandsetzung von Infrastrukturen in
den entlaubten und zerbombten Gebieten - vor allem im Mekongdelta;
Ankurbelung der Nahrungsmittelproduktion durch den Bau des ersten
Reissilos in Vietnam überhaupt, mit einer Lagerkapazität
von 10'000 Tonnen; Gründung und Aufbau des nationalen Institutes
für Akupunktur in Hanoi - heute das grösste Zentrum dieser
Art in ganz Asien. Von 1979-1989 führten die anhaltenden Flüchtlingswellen
der "Boat People", das ungelöste Problem der Umerziehungslager
und der Truppeneinmarsch in Kambodscha das Land in die grösste
Nachkriegskrise und weltweite Isolation. Diese dramatischen Ereignisse
veranlassten das HEKS zu akzentuierten, politischen Aktionen: So wurde
am 17. Juli 1980 der "Appell für Frieden in Kambodscha"
lanciert, welcher auch vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund,
der Schweizerischen Bischofskonferenz, der Caritas und anderen Organisationen
in Europa, den USA, Kanada und Australien unterstützt wurde.
Gefordert war darin unter anderem die Aufhebung des Entwicklungshilfe-
und Handelsembargos, Wiedergutmachungsentschädigungen an Vietnam
sowie der vietnamesische Truppenrückzug aus Kambodscha. Das HEKS
setzte sich auch unablässig in persönlichen Gesprächen
mit dem früheren Premierminister Pham Van Dong, General Giap
und Spitzenfunktionären der kommunistischen Partei für die
Aufhebung der Umerziehungslager ein und erwirkte schliesslich auch
die Freilassung von 130 Inhaftierten.
Touristenboom, Verelendung und Aids
Mit der wirtschaftlichen Öffnung will Vietnam - das sich weiterhin
zum sozialistischen Einparteiensystem bekennt - seine Vergangenheit
endgültig hinter sich lassen und hat zum grossen Sprung angesetzt.
Bis zur Asienkrise welche 1997 auch Vietnam an den Rand des wirtschaftlichen
Abgrunds drängte, bezeichneten Finanzexperten das Land als den
neuen, asiatischen Tiger. Weltbank und IWF sprachen grosszügig
Kredite und die privaten Investoren nahmen von Tag zu Tag zu: Es lockten
die wegen des langen Krieges unangetasteten Bodenschätze und
das riesige Heer von billigen und willigen Arbeitskräften, die
schnelle und grosse Gewinne versprachen. Da sich die Investitionen
aber vor allem auf die Regionen Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt konzentrieren,
scheinen 80 Prozent der Bevölkerung - die Bäuerinnen und
Bauern - am falschen Ort zu stehen, um vom Segen der, in Vietnam benannten,
"sozialen Marktwirtschaft" zu profitieren. Laut Weltbankstatistik
hatte die Zahl der Armen 1998 je nach Region um 5 bis 35 Prozent zugenommen.
Im verzweifelten Bemühen, sich durch die Wirtschaftsliberalisierung
das politische Überleben einhandeln zu können, ist es für
die Regierung praktisch unmöglich geworden, im gegenwärtig
herrschenden "Wildwestkapitalismus" eine klare Wirtschaftspolitik
auszuarbeiten, geschweige denn in die Tat umzusetzen. Ein hoher Funktionär
klagte mir auf meiner letzten Reise: "Unser grösstes Problem
ist die Korruption: 10 bestrafte Beamte werden durch 10 neue ersetzt,
welche sich im Handumdrehen auch von dieser Seuche anstecken lassen!"
Wird der beschwörende Appell des Generalsekretärs der kommunistischen
Partei vom 13. November 1999 etwas nützen? Er mahnte alle Parteimitglieder
und Staatsangestellte bis hinunter zur Arbeiterschaft, die ihnen anvertrauten
Aufgaben pflichtbewusster und ehrlicher auszuführen, um die durch
die Asienkrise verursachten Rückschläge möglichst schnell
wettzumachen. Er verlangte auch eine qualitativ bessere, offenere
und direktere Selbstkritik auf allen Stufen des öffentlichen
Lebens. Viele fragen sich heutzutage, für wen die Regierung eigentlich
da sei und geben sich die Antwort gleich selber: sicher nicht für
uns, die Armen. Ho-Chi-Minh-Stadt, Hanoi und andere Städte sind
zum Wunschziel vieler geworden, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven:
Für Touristen aus aller Welt zum Vergnügen und Erleben;
für Abertausende von Landbwohner in der Hoffnung auf bessere
Lebensverhältnisse. Stattdessen fallen viele von ihnen in den
Sumpf von Kriminalität, Drogensucht, Prostitution und Aids. Und
Aids nimmt jetzt in beängstigendem Tempo den umgekehrten Weg:
von den Städten zurück in die Dörfer und breitet sich
so über das ganze Land aus. Und darauf ist Viertnam überhaupt
nicht vorbereitet.
Nicht ohne die Bauern, die Frauen und die Jugend
Das HEKS arbeitet weitab von den Kronleuchtern. Dort, im Hochland
von Vietnam, wo zwei Hühner entscheiden, ob der Bauer Hoa Schulbücher
für sein Kind kaufen kann. Dort, im Slum von Ho-Chi-Minh-Stadt,
wo die Eltern nicht wissen, woher ihre Tochter Kim das Geld für
den Familienunterhalt herbringt und, dass sie im Nobelhotel "Rex"
Aids aufgelesen hat. Trotz grossen und oftmals unüberwindbar
scheinenden politischen und bürokratischen Hindernissen gilt
für das HEKS seit über 30 Jahren als oberstes Prinzip der
Ansatz von unten. Das heisst, die Verwirklichung einer Entwicklung,
welche unter Einbezug aller Betroffenen, den tatsächlichen Bedürfnissen
des ganzen Menschen gerecht wird. Die echten Akteure in den vom HEKS
unterstützten Projekten sind die Marginalisierten. Diejenigen,
welche durch die "Gewinner" der Globalisierung, an den Rand
der menschlichen Existenzmöglichkeit gestossen werden: Kleinbauern,
Frauen, Strassenkinder und arbeitslose Jugendliche. Während Touristen
die pietätlose Vermarktung blutgetränkter Kriegsschauplätze
anheizen und sich in Cù Chi für ein paar Dollar schweissgebadet
und nach Luft schnappend durch das enge Tunnelsystem der Widerstandskämpfer
- das vielen US-Soldaten zur Todesfalle wurde - zwängen und mit
russischen Kalaschnikov's herumballern, begiesst der Kleinbauer Nguyen
van Nam nur hundert Schritte nebenan seine frisch gepflanzten Fruchtbäume.
Er ist einer der zahlreichen Nutzniesser des HEKS-Kreditprogrammes
im Mekongdelta, das es den Bauern ermöglicht, die giftige Reis-Monokultur
in eine umweltschonende, diversifizierte Nahrungsmittelproduktion
umzubauen.
Samuel Andres (geb. 7.3.1941, gestorben April 2003) war Programmbeauftragter
beim HEKS (Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz) für Südostasien
und die Türkei. Mit 27 Jahren IKRK-Delegierter in Biafra. Weil
dort Bührle-Kanonen Rotkreuzflugzeug beschossen, wurde er zum
Militärdienstverweigerer. Anfang der 70er Jahre reiste er nach
der grossen Erbebenkatastrophe nach Peru (30 000 Tote), später
nach dem Bürgerkrieg nach Ostpakistan, wo er in Flüchtlingslagern
die private Spendenaktion "Rheintaler retten bengalische Kinder"
organisierte. Später: Reisen in das Sahel- Dürregebiet.
1975 beim HEKS Verantwortlicher für Katastrophenhilfe.