Agent Orange
Das Buch (Ausstellungskatalog)

Das Buch zum Projekt Agent Orange.

"Als mein Kind geboren wurde, war ich sehr traurig"
Spätfolgen des Chemiewaffen-Einsatzes im Vietnamkrieg
Lenos Verlag Basel
ISBN 3-85787-298-5
Herausgeber Peter Jaeggi

Das Buch dokumentiert erschütternde Weise die aktuelle Lage nach 25 Jahren. Zu Wort kommen Opfer und Wissenschaftler(innen) aus Vietnam. Es zeigt die Geschichte von Agent Orange und wie sich die Verantwortlichen bis heute aus der Affäre ziehen. Eine Stärke des Werkes ist die Fotografie: die Bilder von Roland Schmid sowie der Magnum-Fotografen René Burri und Marc Riboud.
Peter Jaeggi (Schweiz) schrieb den Report über Agent Orange. Daniel Warner (USA) vom Institut Universitaire de Hautes Études Internationales der Universität Genf und vietnamesische Autoren wie Nguyen Thanh Cong und Joseph Do Vinh stellen die Thematik in grössere Zusammenhänge. Sie durchleuchten die Befindlichkeit ihrer beiden Länder "25 Jahre danach".
Vom deutschen Chemiewaffenexperten und Friedensforscher Hans Günter Brauch stammen die Geschichte und eine aktuelle Bestandesaufnahme der Chemiewaffen.
Ein Kapitel widmet sich der Geschichte des Vietnamkrieges

Inhaltsverzeichnis des Buches (Ausstellungskatalog)

"Als mein Kind geboren wurde, war ich sehr traurig
Spätfolgen des Chemiewaffen-Einsatzes im Vietnamkrieg"

  • Was ist Agent Orange?
  • Die Flugzeuge kamen bei Sonnenaufgang
    Ein Augenzeugenbericht
  • Das Seveso-Gift
  • Was Dioxin im Menschen bewirkt
  • Dioxin im Westen
  • Das Entsetzen, nicht entsetzt zu sein
    Aus der Geschichte des Vietnamkrieges, Peter Jaeggi
  • Der Krieg als Touristenattraktion
    Die Tunnel von Cu Chi
  • Die Vergangenheit abschliessen und in die Zukunft gehen
    Vietnam fünfundzwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung
    Nguyen Thanh Cong
  • Eine schlaflose Nacht im Herbst, Joseph Do Vinh
  • Die Sprache des Schweigens
    Die USA fünfundzwanzig Jahre nach dem Vietnamkrieg, Daniel Warner
  • Einsätze und Verbote von chemischen Waffen, Nervenkampfstoffen
    und Herbiziden
    Ein Rückblick auf das 20. Jahrhundert, Hans Günter Brauch
  • Sozialistische Republik Vietnam
    Daten, Fakten, Karte


Auszüge aus dem Buch (Ausstellungskatalog)


"Als mein Kind geboren wurde, war ich sehr traurig ­
Spätfolgen des Chemiewaffen-Einsatzes im Vietnamkrieg"

Von Peter Jaeggi

(....)
Im November 1961 segnet Kennedy ein Programm ab, das unter den Decknamen "Trail Dust" und "Operation Ranch Hand" in die Geschichte eingehen wird. Es ermöglicht in Südvietnam definitiv den Einsatz von Herbiziden. Das Ziel ist die Entlaubung und schliesslich Vernichtung der Wälder, die dem Widerstand zur Tarnung und als Versorgungswege dienten.
Entlaubt werden neben Wäldern aber auch Umgebungen von Militärbasen und Flugplätzen. Niedergespritzt werden Flussufer. Vernichtet wird Ackerland, um dem Gegner Nahrungsgrundlagen zu entziehen und so Bauern aus den vom Widerstand beherrschten Bezirken in regierungskontrollierte Gegenden zu zwingen.

Während zehn Jahren, von 1961 bis 1971, werden, je nach Quellen, 72 bis über 90 Millionen Liter Chemikalien versprüht.

Im Zentrum dieses Chemiekrieges stand das dioxinhaltige Agent Orange. Zu seinem Namen kam es, weil das Gift in Fässern geliefert wurde, die mit einem zehn Zentimeter breiten orangefarben Streifen gekennzeichnet waren. Agent Orange machte etwa zwei Drittel aller in Vietnam verwendeten Pflanzengifte aus ­ über vierzig Millionen Liter. (...) Dioxin ist die wahrscheinlich giftigste Substanz, die durch menschliche Aktivitäten entsteht.

(...)

In Kim Dau in der Provinz Quang Tri treffen wir Le Huu Dong und seine Familie in einem sauber herausgeputzten Haus. Der fünfundfünfzig Jahre alte Hausherr ist verärgert, dass ihm das Rote Kreuz schon wieder einen ausländischen Journalisten ins Haus bringt. Diese Besuche bescherten ihm oft nur Zeitverschwendung und sie kosteten viel Kraft, sagt er. Dass er zuletzt doch immer wieder zusage, hänge mit seiner Hoffnung zusammen, dass die Welt von seinen Sorgen erfahre und so vielleicht mehr Verständnis aufbringe. Le Huu Dong's Familie ist für humanitäre Institutionen eine Art Vorzeigefall. Zwei seiner drei Kinder sind behindert. Die beiden Mädchen Le Thi Hoai Nhon und Le Thi Hoa leiden am Grebes-Syndrom, an viel zu kurzen Armen und Beinen. Die dreizehnjährige Le Thi Hoa erzählt, dass sie und ihre Schwester fast nur ans Haus gebunden seien. Ihre Beine lassen keine langen Märsche zu. Transport- oder andere Hilfsmittel hat die Familie nicht. Zehn Jahre lang war ihr Vater im Krieg, davon drei Jahre in massiv mit Agent Orange attackierten Regionen. Die Mutter war lange Zeit als Näherin in besprayten Gebieten tätig.
Nein, eine regelmässige Unterstützung bekomme er nicht. Le Huu Dong sagt: "Ich war ein Handlanger der Amerikaner", er sei ein "Marionetten-Soldat" gewesen. Das ist der Jargon im Nachkriegsvietnam für jene Südvietnamesen, die damals auf der Seite der USA standen. Es ist ein Jargon aus der Zeit der Umerziehungslager, der bis heute überlebt hat, eine lebenslängliche Brandmarkung.

(...)

Die Wissenschaftlerin Phan Thi Phi Phi ist stellvertretende Leiterin der Immunologischen Abteilung an der "Hanoi Medical School". Wir sitzen an einem kleinen, wackeligen Tischchen im Labor ihres Institutes. Der Deckenventilator übertönt ihre leise Stimme beinahe. Während des Krieges leitete die Ärztin als Angehörige der Volksarmee ein Lazarett. Sie berichtet davon, wie sie und ihre Patienten oft Hunger gelitten haben, dass man nach allem nur Erdenklichen Ausschau gehalten habe, sogar Baumwurzeln kamen auf den Teller. Agent Orange hin oder her ­ man musste essen. "Sofort nachdem sie jeweils unsere Felder besprüht hatten, ernteten wir den Maniok. Das Herbizid hätte ihn sonst sehr schnell zerstört." In der ersten Zeit, als die Sprayflugzeuge auftauchten, habe man das Gesicht mit einem nassen Tuch geschützt; später jedoch nicht mehr. "Es stank und trieb uns die Tränen in die Augen. Als Ärztin wusste ich, dass diese Chemikalien giftig sind. Aber wie giftig, wussten wir nicht." Die Folgen waren schrecklich. "Viele meiner Freunde wurden steril oder sie starben an Leberkrebs. Viele meiner Studenten bekamen missgebildete Kinder. Erst vorige Woche starb einer meiner Ärztekollegen von damals an Pankreas-Krebs. ­ Was mich betrifft, so ist es wohl nichts Aussergewöhnliches. Nach jeweils anderthalb oder zweieinhalb Monaten Schwangerschaft verlor ich mein Kind ­ vier Mal habe ich meinen Fötus verloren."
Phan Thi Phi Phi hat in ihren Studien aufgezeigt, dass das Immunsystem vietnamesischer Kriegsveteranen, die sich damals in besprühten Regionen aufhielten, stark geschwächt ist. Die Folgen können eine grössere Anfälligkeit für Infektionen sein und eine höhere Krebsrate, wie etwa Leberkrebs, Lungenkrebs und Krebs im Nasenrachenraum, sagt sie. "Wir fanden heraus, dass die Kriegsveteranen, die Herbiziden ausgesetzt waren, anderthalb Mal öfter an Leberkrebs leiden als jene Veteranen, die nie mit Herbiziden in Berührung kamen. Zwar fehlt uns das Geld für exaktere wissenschaftliche Untersuchungen. Aber ich sehe es doch mit meinen eigenen Augen: Menschen, die in belasteten Gebieten lebten, haben mehr Krebs, ihre Kinder haben mehr Geburtsschäden, die Frauen haben mehr Gebärmutterkrebs."

(....)

"In meinem Land brauchen sehr, sehr viele behinderte Kinder Hilfe." Nguyen Viet Nhan vom "Hue Medical College" sagt es eindringlich. "Diese Kinder können nicht warten, bis Beweise für einen direkten Zusammenhang zwischen Dioxin und Geburtsschäden da sind. Sie brauchen jetzt Hilfe. Sehen Sie, so viele Familien mit behinderten Kindern sind bitterarm. Sie brauchen wirklich Hilfe.
Doch sie sind zum Warten verurteilt.
Wie lange noch?"

(....)

Robert McNamara, ehemaliger Verteidigungsminister, schreibt im April 1995 über den von ihm mitverantworteten Vietnamkrieg: "Wir haben uns schrecklich geirrt ... Amerikanische Sprühaktionen haben zu keiner Zeit zu irgendeiner tatsächlichen und dauerhaften Sicherheit Südvietnams geführt ..."

(Auszug aus dem Buch: Als mein Kind geboren wurde, war ich sehr traurig. Erschienen im Lenos Verlag, Basel. Siehe Buchbestellung).


Die Sprache des Schweigens ­ Die USA 25 Jahre nach dem Vietnamkrieg

Von Daniel Warner

(...)
Das Kriegsdenkmal in Washington bleibt in den USA das einzige herausragende Symbol dieses Krieges. 57 000 Namen, in kalten Stein gemeisselt. Meiner hätte einer von diesen Namen sein können. Mein letztes Jahr an der Universität im Jahre 1968 verbrachte ich damit, darüber zu entscheiden, wie im Blick auf diesen Krieg zu handeln sei (...) Das Land verlassen? Den Dienst verweigern? Sich als Homosexueller ausgeben? Grosse Mengen an Zucker essen, um eine Diabetes vorzutäuschen? (...) Mein Studienkollege liess Kopf oder Zahl entscheiden, ob er zum Militär gehen oder das Land verlassen solle. (...) Er ging zur Armee und kam nie wieder.
(...)

Der Vietnamkrieg ist eine Vergangenheit, die die Vereinigten Staaten nach fünfundzwanzig Jahren noch immer nicht bewältigt hat. Es hat keine Wahrheitskommissionen gegeben, keine Entschädigungen, keine Urteile, keinen Schlussstrich. Die Wunde ist immer noch offen.

(Auszug aus dem Buch: Als mein Kind geboren wurde, war ich sehr traurig. Erschienen im Lenos Verlag, Basel. Siehe Buchbestellung).


Die Flugzeuge kamen immer bei Sonnenaufgang
Ein Augenzeuge berichtet über Agent-Orange-Einsätze

"Mein Name ist Hai Tam (...) Ich möchte betonen, dass ich nur eines unter vielen tausend Opfern bin (...)

Ich bin mehrmals direkt von diesem Gift getroffen worden. Es war eine milchige Flüssigkeit. Sie traf mich insgesamt sechs Mal, und zwar so, dass ich am ganzen Körper völlig nass war. Ich und die vielen, die ebenfalls direkt getroffen wurden, bekamen nach diesen Einsätzen zunächst rot unterlaufene Augen, einige wurden ohnmächtig.

Die Flugzeuge kamen immer nur morgens von Sonnenaufgang bis etwa neun Uhr. Sie versprühten das Gift aus etwa hundert Metern Höhe. Viele von uns, die sich nicht gleich in Sicherheit bringen konnten, erlitten Verbrennungen, die Kehle trocknete ihnen aus, die Zunge brannte und die Lippen sprangen auf. Sie erbrachen Blut und starben nach kurzer Zeit (...)

(Auszug aus dem Buch: Als mein Kind geboren wurde, war ich sehr traurig. Erschienen im Lenos Verlag, Basel. Siehe Buchbestellung).


Das Entsetzen, nicht entsetzt zu sein
Aus der Geschichte des Vietnamkrieges

Von Peter Jaeggi

(...)
Wie bei McNamara nachzulesen ist, war die Vietnampolitik aller beteiligten US-Präsidenten von zwei Elementen geprägt: Erstens von absoluter Ignoranz des Landes und seines Volkes, zweitens von einem fundamentalistischen Festhalten an der "Domino-Theorie", die von keinem Vietnamkenner ernsthaft für zutreffend gehalten wurde. Doch die kritischen Wissenschaftler in den USA wurden systematisch vom Präsidenten ferngehalten. Die Domino-Theorie besagt: Wenn ein Staat "kommunistisch" wird, "fallen" alle Nachbarn wie Dominosteine um und werden ebenfalls "kommunistisch". Diese Theorie hatte Dwight D. Eisenhower am 7. April 1954 verkündet. Daraus wurde als allgemeines Konzept die sogenannte "Containment"-, die "Eindämmungs"-Politik abgeleitet.

(Auszug aus dem Buch: Als mein Kind geboren wurde, war ich sehr traurig. Erschienen im Lenos Verlag, Basel. Siehe Buchbestellung).


Einsätze und Verbote von chemischen Waffen,
Nervenkampfstoffen und Herbiziden

Ein Rückblick auf das 20. Jahrhundert

Von Hans Günter Brauch

Im Dezember 1914 empfiehlt der Chemiker Fritz Haber, der 1919 für seine bahnbrechenden Arbeiten zur Ammoniaksynthese den Nobelpreis für Chemie erhält, den deutschen Militärs den massiven Einsatz von Chlorgas durch ein Gasblaseverfahren. Seit Mitte 1916 war er in "vollem Umfang" für die Gasentwicklungen verantwortlich. Zu seinem wissenschaftlichen Beraterstab gehören zahlreiche spätere Nobelpreisträger wie Gustav Hertz, Wilhelm Westphal, Erwin Madelung, Richard Willstätter und die beiden Atomphysiker Otto Hahn, der Entdecker der Kernspaltung, und James Franck, der im Zweiten Weltkrieg im Manhattan-Distrikt-Projekt an der Entwicklung der ersten Atomwaffe mitwirkte.

Mit dem massiven Einsatz von C-Waffen im Ersten Weltkrieg wurde der Artikel 23 der Haager Landkriegsordnung von 1907 missachtet. Er untersagt den zivilisierten Staaten "a) die Verwendung von Gift oder vergifteten Waffen ... [und] e) den Gebrauch von Waffen, Geschossen oder Stoffen, die geeignet sind, unnötig Leiden zu verursachen."

"Mit der völkerrechtlichen Zulässigkeit von Gaswaffen bin ich niemals befasst worden", erklärt der Vater des "Erfolgs von Ypern", Fritz Haber, am 1. Oktober 1923 vor dem Deutschen Reichstag und leugnet jegliche Verantwortung. Trotz des Verbotes zur Herstellung chemischer Waffen im Versailler Vertrag setzt sich Haber nach 1919 in zahlreichen Vorträgen wiederholt und nachdrücklich für den Giftgaseinsatz als "Mittel der Kriegskunst" ein. Aus einem Vortrag von Fritz Haber am 11. November 1920 vor Offizieren des Reichswehrministeriums:

"Die Gaskampfmittel sind ganz und gar nicht grausamer als die fliegenden Eisenteile; im Gegenteil, der Bruchteil der tödlichen Gaserkrankungen ist vergleichsweise kleiner, die Verstümmelungen fehlen und hinsichtlich der Nachkrankheiten ist nichts bekannt ... Die Schlachten, die über den Ausgang der Kriege entscheiden, werden nicht durch die physische Vernichtung des Gegners, sondern durch seelische Imponderabilien gewonnen, die in einem entscheidenden Augenblick seine Widerstandskraft versagen und die Vorstellung des Besiegtseins entstehen lassen."

Um diesen psychologischen Effekt zu erreichen, spreche die Kriegserfahrung nach Haber "zugunsten der qualitativ veränderlichen Gaskampfmittel und zuungunsten einer ausschliesslichen Benutzung der Brisanzmunition. Der Vorteil der Gasmunition kommt im Stellungskrieg zu besonderer Entfaltung, weil der Gaskampf hinter jedem Erdwall und in jede Höhle dringt, wo der fliegende Eisensplitter keinen Zutritt hat."

Das persönliche Schicksal des genialen Physikochemikers und Nobelpreisträgers Fritz Haber war tragisch. Seine Frau Clara flehte ihn im Mai 1915 an, seine Mitwirkung an dem Giftgaskrieg einzustellen. Haber folgte jedoch unbeirrt seiner "patriotischen" Pflicht, seine Frau beging daraufhin vor seiner Abreise an die Ostfront mit seiner Dienstpistole Selbstmord. Auch nach dem Ende des Krieges fehlte ihm jedes Unrechtsbewusstsein, gegenüber den Gefahren und Spätwirkungen der eigenen Arbeit verhielt er sich gleichgültig.

(Auszug aus dem Buch: Als mein Kind geboren wurde, war ich sehr traurig. Erschienen im Lenos Verlag, Basel. Siehe Buchbestellung).

(Das Verwendungsrecht der Texte und Bilder liegt bei den Autoren)

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