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Das Buch (Ausstellungskatalog)
"Als mein Kind geboren wurde, war ich sehr traurig"
Spätfolgen des Chemiewaffen-Einsatzes im Vietnamkrieg Lenos Verlag Basel
Das Buch dokumentiert erschütternde Weise die aktuelle Lage nach 25 Jahren. Zu Wort kommen Opfer und Wissenschaftler(innen) aus Vietnam. Es zeigt die Geschichte von Agent Orange und wie sich die Verantwortlichen bis heute aus der Affäre ziehen. Eine Stärke des Werkes ist die Fotografie: die Bilder von Roland Schmid sowie der Magnum-Fotografen René Burri und Marc Riboud.
Inhaltsverzeichnis des Buches (Ausstellungskatalog) "Als mein Kind geboren wurde, war ich sehr traurig
Auszüge aus dem Buch (Ausstellungskatalog) "Als mein Kind geboren wurde, war ich sehr traurig Von Peter Jaeggi (....) Während zehn Jahren, von 1961 bis 1971, werden, je nach Quellen, 72 bis über 90 Millionen Liter Chemikalien versprüht. Im Zentrum dieses Chemiekrieges stand das dioxinhaltige Agent Orange. Zu seinem Namen kam es, weil das Gift in Fässern geliefert wurde, die mit einem zehn Zentimeter breiten orangefarben Streifen gekennzeichnet waren. Agent Orange machte etwa zwei Drittel aller in Vietnam verwendeten Pflanzengifte aus über vierzig Millionen Liter. (...) Dioxin ist die wahrscheinlich giftigste Substanz, die durch menschliche Aktivitäten entsteht. (...) In Kim Dau in der Provinz Quang Tri treffen wir Le Huu Dong und seine
Familie in einem sauber herausgeputzten Haus. Der fünfundfünfzig Jahre alte
Hausherr ist verärgert, dass ihm das Rote Kreuz schon wieder einen
ausländischen Journalisten ins Haus bringt. Diese Besuche bescherten ihm
oft nur Zeitverschwendung und sie kosteten viel Kraft, sagt er. Dass er
zuletzt doch immer wieder zusage, hänge mit seiner Hoffnung zusammen, dass
die Welt von seinen Sorgen erfahre und so vielleicht mehr Verständnis
aufbringe. Le Huu Dong's Familie ist für humanitäre Institutionen eine Art
Vorzeigefall. Zwei seiner drei Kinder sind behindert. Die beiden Mädchen Le
Thi Hoai Nhon und Le Thi Hoa leiden am Grebes-Syndrom, an viel zu kurzen
Armen und Beinen. Die dreizehnjährige Le Thi Hoa erzählt, dass sie und ihre
Schwester fast nur ans Haus gebunden seien. Ihre Beine lassen keine langen
Märsche zu. Transport- oder andere Hilfsmittel hat die Familie nicht.
Zehn Jahre lang war ihr Vater im Krieg, davon drei Jahre in massiv mit
Agent Orange attackierten Regionen. Die Mutter war lange Zeit als Näherin
in besprayten Gebieten tätig. (...) Die Wissenschaftlerin Phan Thi Phi Phi ist stellvertretende Leiterin der
Immunologischen Abteilung an der "Hanoi Medical School". Wir sitzen an
einem kleinen, wackeligen Tischchen im Labor ihres Institutes. Der
Deckenventilator übertönt ihre leise Stimme beinahe. Während des Krieges
leitete die Ärztin als Angehörige der Volksarmee ein Lazarett.
Sie berichtet davon, wie sie und ihre Patienten oft Hunger gelitten haben,
dass man nach allem nur Erdenklichen Ausschau gehalten habe, sogar
Baumwurzeln kamen auf den Teller. Agent Orange hin oder her man musste
essen. "Sofort nachdem sie jeweils unsere Felder besprüht hatten, ernteten
wir den Maniok. Das Herbizid hätte ihn sonst sehr schnell zerstört."
In der ersten Zeit, als die Sprayflugzeuge auftauchten, habe man das
Gesicht mit einem nassen Tuch geschützt; später jedoch nicht mehr. "Es
stank und trieb uns die Tränen in die Augen. Als Ärztin wusste ich, dass
diese Chemikalien giftig sind. Aber wie giftig, wussten wir nicht."
Die Folgen waren schrecklich. "Viele meiner Freunde wurden steril oder sie
starben an Leberkrebs. Viele meiner Studenten bekamen missgebildete Kinder.
Erst vorige Woche starb einer meiner Ärztekollegen von damals an
Pankreas-Krebs. Was mich betrifft, so ist es wohl nichts
Aussergewöhnliches. Nach jeweils anderthalb oder zweieinhalb Monaten
Schwangerschaft verlor ich mein Kind vier Mal habe ich meinen Fötus
verloren." (....) "In meinem Land brauchen sehr, sehr viele behinderte Kinder Hilfe."
Nguyen Viet Nhan vom "Hue Medical College" sagt es eindringlich. "Diese
Kinder können nicht warten, bis Beweise für einen direkten Zusammenhang
zwischen Dioxin und Geburtsschäden da sind. Sie brauchen jetzt Hilfe. Sehen
Sie, so viele Familien mit behinderten Kindern sind bitterarm. Sie brauchen
wirklich Hilfe. (....) Robert McNamara, ehemaliger Verteidigungsminister, schreibt im April 1995 über den von ihm mitverantworteten Vietnamkrieg: "Wir haben uns schrecklich geirrt ... Amerikanische Sprühaktionen haben zu keiner Zeit zu irgendeiner tatsächlichen und dauerhaften Sicherheit Südvietnams geführt ..." (Auszug aus dem Buch: Als mein Kind geboren wurde, war ich sehr traurig. Erschienen im Lenos Verlag, Basel. Siehe Buchbestellung). Die Sprache des Schweigens Die USA 25 Jahre nach dem Vietnamkrieg Von Daniel Warner (...) Der Vietnamkrieg ist eine Vergangenheit, die die Vereinigten Staaten nach fünfundzwanzig Jahren noch immer nicht bewältigt hat. Es hat keine Wahrheitskommissionen gegeben, keine Entschädigungen, keine Urteile, keinen Schlussstrich. Die Wunde ist immer noch offen. (Auszug aus dem Buch: Als mein Kind geboren wurde, war ich sehr traurig. Erschienen im Lenos Verlag, Basel. Siehe Buchbestellung). Die Flugzeuge kamen immer bei Sonnenaufgang "Mein Name ist Hai Tam (...) Ich möchte betonen, dass ich nur eines unter vielen tausend Opfern bin (...) Ich bin mehrmals direkt von diesem Gift getroffen worden. Es war eine milchige Flüssigkeit. Sie traf mich insgesamt sechs Mal, und zwar so, dass ich am ganzen Körper völlig nass war. Ich und die vielen, die ebenfalls direkt getroffen wurden, bekamen nach diesen Einsätzen zunächst rot unterlaufene Augen, einige wurden ohnmächtig. Die Flugzeuge kamen immer nur morgens von Sonnenaufgang bis etwa neun Uhr. Sie versprühten das Gift aus etwa hundert Metern Höhe. Viele von uns, die sich nicht gleich in Sicherheit bringen konnten, erlitten Verbrennungen, die Kehle trocknete ihnen aus, die Zunge brannte und die Lippen sprangen auf. Sie erbrachen Blut und starben nach kurzer Zeit (...) (Auszug aus dem Buch: Als mein Kind geboren wurde, war ich sehr traurig. Erschienen im Lenos Verlag, Basel. Siehe Buchbestellung). Das Entsetzen, nicht entsetzt zu sein Von Peter Jaeggi (...) (Auszug aus dem Buch: Als mein Kind geboren wurde, war ich sehr traurig. Erschienen im Lenos Verlag, Basel. Siehe Buchbestellung). Einsätze und Verbote von chemischen Waffen, Ein Rückblick auf das 20. Jahrhundert Von Hans Günter Brauch Im Dezember 1914 empfiehlt der Chemiker Fritz Haber, der 1919 für seine bahnbrechenden Arbeiten zur Ammoniaksynthese den Nobelpreis für Chemie erhält, den deutschen Militärs den massiven Einsatz von Chlorgas durch ein Gasblaseverfahren. Seit Mitte 1916 war er in "vollem Umfang" für die Gasentwicklungen verantwortlich. Zu seinem wissenschaftlichen Beraterstab gehören zahlreiche spätere Nobelpreisträger wie Gustav Hertz, Wilhelm Westphal, Erwin Madelung, Richard Willstätter und die beiden Atomphysiker Otto Hahn, der Entdecker der Kernspaltung, und James Franck, der im Zweiten Weltkrieg im Manhattan-Distrikt-Projekt an der Entwicklung der ersten Atomwaffe mitwirkte. Mit dem massiven Einsatz von C-Waffen im Ersten Weltkrieg wurde der Artikel 23 der Haager Landkriegsordnung von 1907 missachtet. Er untersagt den zivilisierten Staaten "a) die Verwendung von Gift oder vergifteten Waffen ... [und] e) den Gebrauch von Waffen, Geschossen oder Stoffen, die geeignet sind, unnötig Leiden zu verursachen." "Mit der völkerrechtlichen Zulässigkeit von Gaswaffen bin ich niemals befasst worden", erklärt der Vater des "Erfolgs von Ypern", Fritz Haber, am 1. Oktober 1923 vor dem Deutschen Reichstag und leugnet jegliche Verantwortung. Trotz des Verbotes zur Herstellung chemischer Waffen im Versailler Vertrag setzt sich Haber nach 1919 in zahlreichen Vorträgen wiederholt und nachdrücklich für den Giftgaseinsatz als "Mittel der Kriegskunst" ein. Aus einem Vortrag von Fritz Haber am 11. November 1920 vor Offizieren des Reichswehrministeriums: "Die Gaskampfmittel sind ganz und gar nicht grausamer als die fliegenden Eisenteile; im Gegenteil, der Bruchteil der tödlichen Gaserkrankungen ist vergleichsweise kleiner, die Verstümmelungen fehlen und hinsichtlich der Nachkrankheiten ist nichts bekannt ... Die Schlachten, die über den Ausgang der Kriege entscheiden, werden nicht durch die physische Vernichtung des Gegners, sondern durch seelische Imponderabilien gewonnen, die in einem entscheidenden Augenblick seine Widerstandskraft versagen und die Vorstellung des Besiegtseins entstehen lassen." Um diesen psychologischen Effekt zu erreichen, spreche die Kriegserfahrung nach Haber "zugunsten der qualitativ veränderlichen Gaskampfmittel und zuungunsten einer ausschliesslichen Benutzung der Brisanzmunition. Der Vorteil der Gasmunition kommt im Stellungskrieg zu besonderer Entfaltung, weil der Gaskampf hinter jedem Erdwall und in jede Höhle dringt, wo der fliegende Eisensplitter keinen Zutritt hat." Das persönliche Schicksal des genialen Physikochemikers und Nobelpreisträgers Fritz Haber war tragisch. Seine Frau Clara flehte ihn im Mai 1915 an, seine Mitwirkung an dem Giftgaskrieg einzustellen. Haber folgte jedoch unbeirrt seiner "patriotischen" Pflicht, seine Frau beging daraufhin vor seiner Abreise an die Ostfront mit seiner Dienstpistole Selbstmord. Auch nach dem Ende des Krieges fehlte ihm jedes Unrechtsbewusstsein, gegenüber den Gefahren und Spätwirkungen der eigenen Arbeit verhielt er sich gleichgültig. (Auszug aus dem Buch: Als mein Kind geboren wurde, war ich sehr traurig. Erschienen im Lenos Verlag, Basel. Siehe Buchbestellung). (Das Verwendungsrecht der Texte und Bilder liegt bei den Autoren) |
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